Donnerstag, 30. Juli 2026

Das letzte Selfie

Nix hat stattgefunden, wenn es kein Bild davon gibt. Ein Fotofinish, das Wembley-Tor oder eben ein Selfie. Wobei das Wembley-Tor beweist, dass selbst ein Bild nichts beweist. Es ermöglicht nur, dass man sechzig Jahre lang dasselbe Bild anschaut und weiterstreitet.

Trotzdem wissen wir heute, anno Domini 2026, mit schmerzhafter Gewissheit:

Kein Bild, kein Ereignis.

Zum Glück hatte einer der Jünger sein Smartphone dabei beim Abendmahl. Sonst würden wir heute noch diskutieren, ob das Ganze überhaupt stattgefunden hat oder ob es sich – wie bei so vielem, das man nur vom Hörensagen kennt – am Ende doch nur um eine hübsche Legende handelt.

Aber nein.

Hier ist das Foto.

Jesus in der Mitte. Die Jünger drum herum. Alle etwas enger zusammenrücken. Hinten sieht man dich nicht. Petrus, Kopf ein bisschen nach links. Thomas, nicht so skeptisch schauen.

Judas auch mit drauf.

Der war zu diesem Zeitpunkt noch dabei. Aber noch vor dem ersten Hahnenschrei hatte Judas die Gruppe verlassen.

Einer hält den Arm nach vorne, alle schauen ins Smartphone und natürlich weiß mindestens einer nicht, wo die Kamera ist.

Wie bei jedem Gruppenbild.

Auch erstaunlich:

Keiner isst.

Das Abendmahl wird unterbrochen, damit festgehalten werden kann, dass das Abendmahl stattfindet. Eine frühe Form dessen, was wir heute bei jedem Ausflug, Konzert und Restaurantbesuch machen.

Das Ereignis wird kurz angehalten, um zu beweisen, dass man daran teilnimmt.

Leonardo da Vinci hatte diese Möglichkeit nicht. Kein Handy. Kein Selfie-Stick. Keine Frontkamera. Nicht einmal Weitwinkel.

Er musste sich mit Pinsel und eigener Vorstellungskraft behelfen.

Und das Ergebnis kennt man:

Dreizehn Männer, fein säuberlich aufgereiht auf einer Seite eines sehr langen Tisches. Die andere Seite bleibt leer.

Surrealistisch.

Hätte man das damals schon so genannt.

Kein vernünftiger Mensch würde so zu Abend essen. Wie bei einer Familienfeier, bei der niemand neben der Schwiegermutter sitzen will und deshalb alle gegenüberliegenden Plätze vorsorglich frei bleiben.

Man könnte fast meinen, Leonardo hatte einfach keine Lust, die Rückenansichten von zwölf Aposteln zu malen.

Und wer wollte ihm das verübeln.

Mit einem Smartphone wäre das nicht nötig gewesen. Ein Arm nach vorne, kurz die Reihenfolge sortiert und fertig ist die Ikone.

Keine Tischordnung nach Wichtigkeit. Kein stundenlanges Nebeneinandersitzen für die Nachwelt. Keine Überlegung, wie man dreizehn Männer vollständig ins Bild bekommt, ohne wenigstens einen von hinten malen zu müssen.

Nur ein Klick.

Und die Ewigkeit ist dokumentiert.

In Wackelunschärfe, mit abgeschnittenem Petrus und einem Daumen halb im Bild.

Man fragt sich, was Leonardo daraus gemacht hätte. Vermutlich hätte er auch das noch so lange perfektioniert, bis es aussieht wie Kunst.

Wir haben nur ein Selfie daraus gemacht.

Das muss reichen.

Erstaunlich an diesem Bild ist allerdings weniger, dass es beweist, was jeder längst ahnte:

Leonardos Idee, dreizehn Männer auf eine Seite des Tisches zu setzen, war falsch.

Erstaunlicher ist, wie früh der Mensch aufgehört hat, das eigentliche Ereignis festzuhalten. Auf den ersten Höhlenzeichnungen ging es noch um das Essen.

Bisons. Hirsche. Pferde.

Beim Abendmahl ging es immerhin noch um Menschen beim Essen. Beim Abendmahl-Selfie geht es nur noch um die Menschen, die beweisen müssen, dass sie beim Essen gewesen sind.

Das Essen wird zur Tischdekoration.

Heute sind wir wieder einen Schritt weiter.

Heute fotografieren wir wieder das Essen.

Allerdings erst, nachdem es kalt geworden ist.

 

Ich würde es ja so machen — Embargo

Ich würde es ja so machen.

Ich würde ein Land aushungern.

Nicht mit Bomben.
Mit Sanktionen.

Das klingt ordentlicher.

Ich würde es ja so machen.

Kein Öl für den Staat.
Medikamente werden knapp.
Die Energieversorgung bricht zusammen.

Nicht alles verbieten.
Nur alles verknappen.

Ich würde es ja so machen.

Dann würde ich warten.

Nicht mehr drohen.
Nicht mehr fordern.

Nur warten,
bis die staatliche Versorgung
von selbst zusammenbricht.

Ich würde es ja so machen.

Dann würde das Land
private Energieunternehmen erlauben.
Private Apotheken.
Private Altenpflege.

Freiwillig,
würde es heißen.

Eine souveräne
Entscheidung.

Ich würde es ja so machen.

Und plötzlich
dürfte ich wieder liefern.

Nicht an den Staat.
Das bliebe verboten.

An private Firmen.

Und wenn mich einer fragt,
wer hier wen erpresst —

Ich würde sagen:

niemand.

Das Land
hat seinen Markt
doch selbst geöffnet.

Inspiriert von einer Meldung des Deutschlandfunks vom 30.07.2026 über die Öffnung kubanischer Wirtschaftssektoren für Privatunternehmen.

Sonntag, 26. Juli 2026

Abendmahl

13 Leute.
Jesus und seine zwölf Jünger – alle an einem Tisch.
Und wie uns Leonardo zeigt: an einem langen Tisch. Einem sehr langen Tisch.
Dreizehn Leute nebeneinander – auf einer Seite.

Alle.

Nebeneinander wie der Elferrat bei der Säschn.
Komisch – hier steht „Session“.
Ah, jetzt: das wird deutsch gesprochen. Sess-ion. 

Humorlos, wie sich’s gehört.

Allerdings nur elf.
Sonst wäre es ja ein Dreizehnerrat und kein richtiger Elferrat.
Oder nebeneinander wie ein deutsches Ehepaar.

Mit Hund. Im Restaurant.

Kein Dreierrat und auch kein Dreirad.

Nebeneinander:
Karl-Heinz,
der Tragedackel

und Susanne.

Jesus mit seinen Jüngern.
Nur Männer. Keine Frau.
Elferrat: Auch die Prinzessin – natürlich ein Mann.
Hier: null gespielte Frauen. 

Dort: eine – gespielt von einem Mann.
Gleichstellung, solange sie vom eigenen Geschlecht gespielt wird.
Nebeneinander wie bei einer Pressekonferenz.

Elf Männer.
Mancher mit Orden, mancher mit Restalkohol.
Überzeugt, Humor sei etwas, das man laut ankündigen muss:

Ta-Töööö!

Eine Männerclique, die sich selbst beklatscht.

Elferrat oder Elf-Verrat?
Elf Verräter.
Verraten haben sie, dass sie ohne Pappnase humorlos sind.
Dass am Aschermittwoch alles vorbei ist.

Vor allem der Witz. Falls der je da war.

Ta-Tööö!

Beim Abendmahl: dreizehn beim Essen.
Beim Elferrat: elf beim Trinken.
Dort nur einer, der verrät.

Hier elf Verräter.

Nebeneinandersitzer – die drei auf der Frühstücksterrasse.
Quadratische Tischchen, gedacht für gegenüber.

Aber nicht für Karl-Heinz und Susanne.
Sie schnappen sich ein zweites Tischchen, rücken die Stühle um:
Rücken zum Saal. Gesicht zur Wand. Aber nebeneinander.

Vor ihrem Hund sprechen sie sich mit Vati und Mutti an.
Der Tragedackel sitzt in der Mitte. Auf einem Stuhl.
Eine Rasse, die anscheinend auf dem Arm lebt.
Vielleicht sollte man Hunde mit Tragegriff züchten. 

Ergonomisch. Beinlos vielleicht – optional.

Stoßen sie lieber mit den Ellbogen aneinander, als sich anzusehen?
Tauschen sie halbstündig die Plätze – wegen drohender Nackensteife?

Wann begann das, dass sie sich nicht mehr anschauen – konnten?

Vielleicht zur selben Zeit, als Leonardo da Vinci beschloss, das Abendmahl zu malen.
Dieser Mann, der fast den Hubschrauber erfunden hätte.
Perfekte Raumperspektive, fluchtende Wände, Meisterwerk der Renaissance – 

aber bei der Sitzordnung schummelte da Vinci wie auf einer Theaterbühne:

Dreizehn Menschen.
Alle auf einer Seite.
Damit man ihre Gesichter sieht.
Keine Ecken besetzt. Kein Gegenüber.

Keine Tischordnung wie im Leben.
Nebeneinander.

Die Dreizehn. Die Elf. Die Drei.

Hätte Leonardo doch einfach einen Acht-Meter-Selfiestick erfunden.
Da Vinci hatte keinen. 

Sonst hätten sie sich alle selbst fotografiert.

Der Kleine

Mein Geburtstag, wie jedes Jahr am 18. September. Damals der fünfte - Geburtstag.

Morgens um kurz nach vier wach, die Eltern geweckt und nach den Geschenken gefragt.
"Schlaf noch ein Bisschen, bis der Zeiger am Wecker ganz unten ist" 

okay ich versuche zu schlafen.

Um halb fünf nochmal nach den Geschenken gefragt.

"Der KLEINE Zeiger ganz unten" 

Donnerstag, 23. Juli 2026

Ich würde es ja so machen - Machterhalt

Ich würde es ja so machen.
Ich würde hartnäckig behaupten, 
die Wahl von 2020 sei gefälscht gewesen.
Nicht einmal. Nicht zweimal.
Immer wieder. Und wieder.
So lange,
bis ein Teil der Menschen
es nicht mehr glaubt.
Sondern weiß.

Ich würde es ja so machen.
Ich würde mir eine Inlandspolizeitruppe aufstellen.
Unter dem Vorwand,
illegale Ausländer zu finden,
festzunehmen
und abzuschieben.
Nein.
Ich würde sie natürlich nicht Gestapo nennen.
Ich würde ihr einen modernen,
Namen geben. Technokratisch. Kühl.
ICE zum Beispiel.
Ich würde es ja so machen.
Noch vor den kommenden Zwischenwahlen
würde ich die Wahlprozedur verkomplizieren.
Nicht die Wahlen abschaffen.
Um Gottes willen.
Nur die Regeln ändern.
Ein Formular mehr.
Ein Nachweis mehr.
Eine Frist weniger.
Ein Wahllokal weniger.
Alles natürlich nur,
um die Wahl sicherer zu machen.
Denn wer könnte schon
gegen sichere Wahlen sein?
Und wenn am Ende
ein paar Hunderttausend Menschen
nicht mehr wählen können,
dann wäre das eben der Preis
für die Demokratie
und die Sicherheit.
Ich würde es ja so machen.
Und natürlich
dürften weiterhin alle wählen.
Alle,
die sich am Wahltag
noch auf die Straße trauen.
Die an meiner Gestapo vorbei—
Entschuldigung.
An meiner ICE-Truppe.
Die ihre Papiere dabeihaben.
Die nicht zufällig
falsch aussehen.
Die nicht zur falschen Zeit
am falschen Wahllokal stehen.
Die nichts zu verbergen haben.
Also wirklich alle.
Für die Demokratie.
Und die Sicherheit.
Ich würde es ja so machen.
Ich würde vielleicht sogar
einen bewaffneten Konflikt
vom Zaun brechen.
Nicht unbedingt,
weil er notwendig wäre.
Nur für den Fall.
Für den Fall,
dass man plötzlich
einen äußeren Feind braucht.
Einen Ausnahmezustand.
Eine Begründung,
warum Kritik gerade
unpatriotisch ist.
Warum Freiheit
noch ein wenig warten muss.
Und warum Wahlen
im Moment wirklich
nicht das Wichtigste sind.
Natürlich nur
für die Demokratie
und die Sicherheit.
Ich würde es ja so machen.
Nach den Zwischenwahlen
würde ich mich zum Sieger erklären.
Unabhängig vom Ergebnis.
Gewinnen die anderen,
war es Betrug.
Gewinne ich,
war es nur durch meinen persönlichen Einsatz
für die Demokratie
und dafür,
dieses Land
wieder groß zu machen.
Das Ergebnis stünde also fest.
Nur die Begründung
richtete sich danach,
wer gewonnen hat.
Ich würde es ja so machen.
Ich würde erklären,
dieser Kampf dürfe jetzt
nicht unterbrochen werden.
Schon gar nicht
durch Wahlen.
Denn es gebe nur eine Person,
die Sicherheit,
Ordnung
und Demokratie
auch in Zukunft garantieren könne.
Mich.
Ich wäre
der beste Präsident
des besten Landes
der Erde.
Viermal besser
als jeder vor mir.
Neunmal besser
als jeder nach mir.
Ach was.
Achttausendmal besser.
Wie sollte mich da
jemand ersetzen können?
Mich.
Den Mann,
der dieses Land
nach so langer Zeit
wieder groß gemacht hat.
Man ersetzt schließlich
auch keinen Rettungsring
durch einen Mühlstein.
Also bliebe ich.
Nicht für mich.
Nicht aus Machtgier.
Nur aus Verantwortung.
Auf Lebenszeit.
Für das Land.
Für die Demokratie.
Und die Sicherheit.
Ich würde es ja so machen.

Und das alles, 
im Land der älteste Demokratie der Welt. 

Samstag, 18. Juli 2026

Spagat

Mein persönliches Glück
ist durchaus damit vereinbar,
dass er zurückgetreten wurde.

Er selbst wollte seine Zukunft
erst mit der Fraktion besprechen,
„wenn wir uns im September wiedersehen“.

Zum Glück war der Kanzler
konsequent
und vor allem schneller.

Hat ihn zurückgetreten.

Respekt.

Er schreibt,
sein persönliches Glück,
gemeinsam mit seinem Mann
eine Familie zu gründen
und Vater zu werden,
sei nicht vereinbar
mit seinem politischen Amt.

Wie edel.

Dabei waren weder sein Mann
noch sein Kind
noch sein persönliches Glück
mit seinem Amt unvereinbar.

Unvereinbar war nur,
privat eine Leihmutter in Anspruch zu nehmen
und politisch anderen
genau das zu verwehren.

Er nennt es einen Spagat
zwischen privater Entscheidung
und öffentlicher Erwartung.

Dabei beherrschte er den Spagat
doch schon immer:

zwischen dem,
was er anderen predigt,

und dem,
was er sich selbst erlaubt.

Nur diesmal
wurde nicht der Spagat sichtbar,
sondern die Doppelmoral.

Und plötzlich musste er sich entscheiden:

zwischen ehrlich
und unehrlich.

Eine Entscheidung,
die ihm sonst
nie besonders schwerfiel.

Mittwoch, 8. Juli 2026

KI - künstliche Intelligenz

Wie ein künstliches Auge
Man sieht nichts.
Nur besser aus.

Wie eine künstliche Hüfte
Man läuft wieder.
Nur langsam.

Wie ein künstlicher Darmausgang
Man kackt wieder.
Nur in Beutel.

Alles Ersatz.
Alles Krücken.
Alles Behelfe.

Aber bei KI
auf echte hoffen.

Sonntag, 5. Juli 2026

Aberglaube

Aufgefallen sind mir diese Wasserflaschen. An jedem Haus, an vielen Hausecken. Hier im Örtchen am Berg zwischen Lago di Lugano und Lago di Como. 
An manchen Türen sogar 2 Flaschen. Links und rechts. 

Warum?
Tradition, sicher Tradition. Wobei, seit wie vielen Jahren gibt es Plastikflaschen, wurde das früher mit Tongefäßen gemacht? Später mit Glas? Wasser vorm Haus um den dürstenden Wanderer zu erquicken? Mit warmem Wasser, wie lange steht das schon da?
Sich die Hände zu waschen, bevor man das Haus betritt? Rituelle Gründe?

Eine Online Recherche ergab folgendes:
Ein weit verbreiteter Volksbrauch, um streunende Hund und Katzen davon abzuhalten, hier ihr revier zu markieren.
Man hofft, dass die Tiere durch die Lichtreflexe oder noch besser durch ihr Spiegelbild erschreckt oder irritiert werden. 
Besonders populär ist dieser Brauch in südeuropäischen Ländern aber auch in Japan.

Ob der Trick funktioniert oder doch eher Mythos ist ist selbst bei manchen Anwohnern umstritten. 

Bevor ich mich aber darüber lustig mache möchte ich erwähnen, dass es hierzulande auch mal Zeiten gab in denen man Radarfallen mit Hilfe von am Rückspiegel aufgehängten CDs irritieren wollte. 
Und auch da weiß ich nicht ob der Trick funktioniert oder doch eher Mythos war.