Donnerstag, 2. Juli 2026

04.12.2023 5:03 Uhr

Montag früh, wie üblich bin ich um 5:00 bei der Arbeit. Heute erst um 5:03 Uhr - ich musste noch kratzen.

Kaum ausgestiegen, kaum 2 mtr. vom Auto entfernt hats mich gelegt, auf die Fresse, auf den Boden, aufs Eis.

Der Boden ist saukalt. Sauer, dass ich zu doof zum Laufen bin - oder zu alt - versuche ich aufzustehen. Das linke Bein, der linke Fuß will nicht so richtig, deshalb stehe ich auf dem rechten. Ich versuche einen Schritt.

Kaum versucht, kaum 2 mtr. vom Auto entfernt hats mich gelegt, auf die Fresse, auf den Boden, aufs Eis.

Der Fuß steht weit nach links. Ich komme nicht hoch.

Auf dem kalten Boden liegend mache ich mir Gedanken, wer denn jetzt meinen Dienst übernehmen kann. Mein Herz rast, die Finger zittern. Irgendwie ins Büro kriechen vielleicht. Robben. Wenn dann um 7 oder 8 alle da sind, kann mich ja einer mal zum Doktor fahren.

Aber robben geht nicht. Auf keinen Fall.

Ich rufe meinen Kollegen an. 5:04 Uhr. Er geht nicht ran. Zittrige Hände, nochmal versuchen. Wieder nichts. Dann Chef anrufen. Der geht auch nicht ran.

Wer macht meine Arbeit?

Und da kommt schon das erste Mal der Gedanke.

Ich muss spätestens in 31 Tagen wieder fit sein.

31 Tage.

Projekt X.

Mir fällt ein, mich um mich selbst zu kümmern, und ich rufe die 112.

Es ist mir peinlich, wegen so einer Kleinigkeit den Notdienst zu rufen. Wegen Ausrutschen. Wegen Hinfallen. Wegen nicht mehr aufstehen können.

Der Rettungsdisponent fragt die Fakten ab, korrigiert meine Straßenangaben und die Hausnummer. Er schickt jemanden.

Manchmal ist es ganz geschickt, das Handy dauernd in der Hand zu haben. Nehmt das, ihr „die Leute unterhalten sich gar nicht mehr direkt, die glotzen nur ins Handy"-Puristen.

HÄTT ICH LAUT UM HILFE SCHREIEN SOLLEN?

Nachts um 5:03 Uhr im abgelegenen Teil des Industriegebiets?

Meine Fresse.

Die Sache mit meinem Dienst ist noch immer nicht geklärt.

Dann ruft der Chef zurück.

„Chef, ich bin gestürzt, ich kann nicht arbeiten, bitte informieren Sie den Kollegen."

„Halte aus, ich bin in 5 Minuten da."

„Kein Stress, alles gut, Rettungswagen kommt, ich kann halt leider nicht arbeiten."

Das war meine heroische Antwort.

„Bin gleich da", sagt der Chef und legt auf.

Ich liege auf die rechte Seite gestützt auf dem Boden und zittere. Rufe die Gattin an, die schläft aber noch. Tief und fest. Geht nicht ran.

In der Ferne höre ich ein Martinshorn. Entfernt sich wieder.

Ca. 10 Minuten nach dem Sturz sehe ich einen Krankenwagen langsam suchend die Straße entlang kommen. Mit der Lampe meines Handys mache ich winkend auf mich aufmerksam.

Die beiden Sanitäter kümmern sich um mich. Ich soll mich erst mal nicht bewegen.

„Bevor ich mich um Ihren Fuß kümmere, untersuche ich Sie erst einmal."

Ich werde am ganzen Körper abgetastet, ob irgendwelche Verletzungen fühl- oder tastbar sind. Ob ich mich an den Sturz erinnern kann? Natürlich, das ist mir ja so peinlich, zu doof zum Laufen. Ich soll im Rahmen meiner Möglichkeiten meine Gliedmaßen bewegen und auch sagen, ob ich darin etwas fühle.

Nachdem dieser Test abgeschlossen ist, werde ich auf eine Trage geschoben und in den Rettungswagen gelegt.

Angenehm warm ist es im Wagen. Ich zittere trotzdem.

Mir werden die Jacke und der Hoodie ausgezogen, Blutdruck wird gemessen und Herzsensoren geklebt, die Temperatur gemessen. 35,7 Grad. Ich bin leicht unterkühlt.

Der Sanitäter möchte meinen Schuh aufschneiden. Die Sanitäterin versucht es ganz normal mit Aufschnüren, das gelingt. Mein linker Fuß wird freigelegt. Vorsichtig.

Ich wage einen vorsichtigen Blick und sehe einen räumlichen Versatz zwischen Unterschenkel und Fuß.

Es sieht schmerzhaft aus.

Erstaunlicherweise habe ich fast keine Schmerzen.

Nachdem wir abfahrtbereit sind, mache ich erst mal ein paar Selfies von mir im Krankenwagen.

Natürlich. Das machen viele, sagt die Rettungskraft.

Die Gattin sollte ich nochmal erreichen. Sie schläft noch immer. Also mache ich ihr eine WhatsApp. Nicht zu dramatisch. Ich denke ja immer noch, ich kann heute noch heim. Morgen wieder arbeiten. Und in dann 30 Tagen Projekt X.

Die Sanitäterin telefoniert Krankenhäuser ab.

Robert Bosch wäre am nächsten. Hat Chirurgie, aber keine Kapazitäten.

Das nächste ebenso.

Das dritte nimmt uns.

Immer derselbe Spruch.

Patient, 60, männlich, Luxation.

Luxation.

Mit meinem Schwarzwaldklinik / Dr. House / Grey's Anatomy Fachwissen verstehe ich sofort, dass ich mir was ausgekugelt habe.

Puh.

Dann ist es ja nicht so schlimm.

Dann muss man einmal kurz auf einen Lederriemen beißen, das Teil wird schmerzhaft wieder eingerenkt und Projekt X kann starten.

Vor genau diesen Schmerzen habe ich Angst. Vor diesem Western-Einrenken. Einer hält fest, einer zieht, ich schreie kurz, dann ist gut.

Der Fahrer, der Jüngere der beiden, hat voll Bock auf Noteinsatz. Viel Trara, Blaulicht, Tamtam. Losbrettern.

Erst als ich die Kollegin frage, ob der Aufwand wegen mir wirklich so groß ist, bittet sie ihren Kollegen, es gemütlicher und ohne Martinshorn anzugehen.

In der Notaufnahme müssen wir erst mal warten. Es ist gerade Übergabe und alle sind gechillt.

Ich liege da halt rum.

Nachdem ich auf eine andere Trage umgebettet wurde, kommt einer mit Kittel und zieht an meinem Fuß. Druck rausnehmen ist der Plan.

Es wäre cool gewesen, hätte er vorher die Bremsen angezogen und mich nicht durch die halbe Notaufnahme gezogen.

Danach werde ich entkleidet.

Mit der Schere.

Aus einer guten Levi's 501 wird eine Stoffbahn.

Zum Glück war wöchentlich frischer Unterhosen-Montag. Und zum Glück wurde ich vorhin von den Rettern so klaglos mitgenommen. Danke, liebe Eltern, für den Tipp. Trotzdem musste die strahlend weiße Schiesser für mein Missgeschick leiden und wurde auch mit Hilfe der Schere in einen sauberen weißen Stofffetzen transformiert.

Nach dem Röntgen kommt der Anästhesist.

Nein, ich habe seit gestern Abend nichts gegessen. Nur um 4:30 Uhr drei Schluck Tee. Ich bin 186 cm groß und hatte heute Morgen 88 kg – nackt und ungeschissen.

Danach gibt es ein intensives Schläfchen für mich.

Die paar Male Vollnarkose habe ich ja immer versucht, auf mehr als 10 zu zählen.

Auch diesmal gelingt das nicht.

Als ich wieder aufwache, liege ich im Ruheraum.

Aus meinem Bein wächst eine eiserne Jungfrau.

Gestänge.

Eisen.

Blut.

Noch 31 Tage bis Projekt X.