Freitagabend. Kochkraft durch KMA
auf der Schwaneninsel in Waiblingen. Minibühne.
Eintritt nach Selbsteinschätzung:
20, 25 oder 30 Euro. Ich nehm die Mitte. Zahl 25 Euro – das schmerzt den
Schwaben in mir. Noch mehr schmerzt mein Mittelmaß: Warum keine 30?
Vor dem Konzert esse ich noch einen
Wurstsalat. Drückende Hitze. Zirka fünfzig Zuschauer.
Kurz nach acht fängt es an.
Die vier auf der Bühne scheinen
riesigen Spaß zu haben. Junge Leute, die begeistert etwas machen. Vom ersten
Takt an ist Lana in Bewegung. Singt, hüpft, tanzt, macht.
Fast noch begeisterter ist die Frau
am Keyboard. Sie freut sich, lacht und grinst. Sollte sie keinen Spaß haben,
weiß ihr Gesicht nichts davon.
Nach einer halben Stunde tröpfelt
es. Wind zieht auf. Das Volk will weitermachen. Die Band auch.
Die haben Bock. Gut so.
Nach einer Stunde meines üblichen
Kopfnickens und der fast unsichtbaren Gewichtsverlagerung auf den linken Fuß –
ja, das ganze Bein – hält es mich nicht mehr.
Ich hüpfe. Erst nur angedeutet, von
einem Bein aufs andere. Ich bin erstaunt, dass ich das dreißig Sekunden lang
ohne Sauerstoffzelt schaffe. Einen ganzen Song? Nein. Aber ein Anfang.
Warum ausgerechnet Kochkraft mich
so mitgenommen hat, kann ich gar nicht sagen.
Vielleicht das Underdog-Ding. Mit
Underdogs identifiziere ich mich gerne und oft. Vermutlich meistens zu Unrecht.
Vier Menschen machen Musik.
Scheißegal, was die Welt davon hält.
Die machen ihr Ding. Erzählen
nebenher, dass sie alle noch arbeiten müssen. Dass sie heute Morgen mit einem
gemieteten Kleinbus von Duisburg nach Waiblingen gefahren sind.
Nicht einmal den bestellten
bekommen. Erst mal zwei Reihen Sitzbänke ausbauen. Das Equipment aus den Cases
nehmen, damit man es enger stapeln kann. Kein Platz für den Merch.
Kein glorreiches Nightlinerleben.
Kein Heli, der die Stars die
letzten Meter einfliegt. Mehr Jugendhaus als Rock am Ring.
Und dann dieser Spaß. Wie kann man
so einen Spaß versprühen?
Nicht: Seht her, was wir erreicht
haben.
Eher: Seht her, wir sind da.
Vielleicht war es das.
Dreiundsechzig. Ich bin der
Älteste. Bestimmt.
Die anderen eine, eher zwei
Generationen jünger.
Nicht dass ich unbedingt jünger
sein möchte.
Aber dieses Unbeschwerte hätte ich
schon gern. Diese Energie. Diese Selbstverständlichkeit, mit der man hüpft,
tanzt, macht, ohne sich vorher eine Genehmigung dafür auszustellen.
Von meiner eigenen Alterskohorte
fühle ich mich längst entkoppelt. Zu den Jüngeren gehöre ich aber auch nicht.
Doch hier muss ich nirgends
dazugehören.
Vier Menschen, die nichts
darstellen, sondern etwas machen. Laut, begeistert und ohne Sicherheitsabstand
zu sich selbst.
Und ich stehe anonym zwischen all
den Menschen, die mich nicht kennen. Die nichts von mir erwarten. Die nicht
wissen, wer ich bin, wer ich sein sollte und woran ich gerade scheitere.
Ich muss niemanden bewerten,
niemanden kleinmachen, mich über niemanden stellen.
Es gibt keine Gegner.
Nicht einmal Mitbewerber.
Advantage me.
Ich muss mich nicht behaupten.
Ich bin keiner.
Und genau deshalb kann ich ich
sein.
Scheiße:
Ihr habt Spaß?
Den will ich auch.
Eine Viertelstunde später werde ich
für meine Verhältnisse völlig ekstatisch.
Ich springe. Beidbeinig.
Nicht besonders hoch. Nicht
besonders lange. Nicht einmal besonders rhythmisch.
Aber der Körper – für Mikrosekunden
ohne Bodenberührung.
»In der Luft« wäre übertrieben.
Das Publikum um mich herum hat mehr
davon. Die Band sowieso.
Aber hey:
Ich habe Spaß.
Für Mikrosekunden ohne
Bodenberührung.







