„Um das Wort PARADOX visuell hervorzuheben, schlage ich vor, das X zu spiegeln.“
„Horizontal oder vertikal?“
„Egal“
„Um das Wort PARADOX visuell hervorzuheben, schlage ich vor, das X zu spiegeln.“
„Horizontal oder vertikal?“
„Egal“
Bordeaux sei nur – und jetzt kommt's – sei nur zwei Bahnstunden von Paris entfernt. Stand da tatsächlich, schwarz auf weiß, in einem Reisemagazin.
Stimmt sogar. Die Frage ist nur: Was ist eine Bahnstunde? Und, noch wichtiger: Was sind zwei?
Keine Zeit. Eine Strecke. Eine Norm gibt es nicht. Der Meter hatte wenigstens den Urmeter, Celsius den Gefrierpunkt. Die Bahnstunde hat den Fahrplan.
In Frankreich sind zwei Bahnstunden Paris–Bordeaux, gut 580 Kilometer. In Japan Tokio–Kyoto, gut 500, aber wer will schon nach Kyoto. In China ist der Hochgeschwindigkeitszug die S-Bahn: Peking–Tianjin, 120 Kilometer, eine halbe Stunde. In Deutschland: Stuttgart–Schwäbisch Gmünd, inklusive Schienenersatzverkehr, 50 Kilometer in 124 Minuten.
Kein Vorwurf. Jedes Land misst mit dem eigenen Maßband. Mit metrischem System, wohlgemerkt. Wer schneller fährt, hat die längere Bahnstunde. Wir haben halt die kürzere. Ist so.
Stunden, die keine sind, kennen wir ja. Die Schulstunde hat 45 Minuten, die Therapiestunde 50. Die Fahrstunde auch 45, kostet aber inzwischen 60 Euro, und man kommt damit knapp 10 Kilometer weit. Immerhin die einzige Stunde, die auf Sechzig kommt.
Nur die Uhr hält sich an die Norm. Zwei Minutenzeigerstunden: null Kilometer Der Zeiger kommt immer wieder am Ausgangspunkt an. Pünktlich. Man gewöhnt sich..
Kaum hatten wir uns in unsere Sitze im Flieger gequetscht, dürstete es mich.
Flugs griff ich zu meiner Colaflasche, um sie zu öffnen, was mir so gut gelang, dass gefühlte sechs Siebtel der lauwarmen, süßklebrigen Masse explosionsartig ihre Behausung verließen, sich über mich und die Gattin ergossen, aber auch Kollateralschäden an im Mittelgang stehenden Mitreisenden verursachten.
Was war ich angepisst: Anstatt nicht mehr durstig, quasi trinksatt zu sein, war ich klebrig wie diese Fliegenklebestreifen in einer Zwiefalter Gastwirtschaft seit 1958.
Mein Ärger war dann aber vermutlich deutlich geringer als der der ca. 40- bis 45-jährigen Kollateralschädin, der ich auch drei Tropfen meines Getränks für ihren weißen Pulli gespendet? Verschwendet? hatte.
Und noch bevor ich ihr mit einem „Glotz ned so bled, i be au vrschrogga“ oder „Was schdoschd du au so bled rom?“ eine Mitschuld geben konnte, keifte sie schon:
„Ja, prima, Cola, des bekommt man gar nicht mehr raus.“
Ich will ja nicht unter die Verschwörungstheoretiker gehen. ABER.
Wieso wird der Gaspreis ab 1.1.2022 angezeigt, die restlichen Energiepreise ab 2.2.26?
Dann würden wir uns nicht glücklich schätzen dass der Gaspreis so schön unten ist im Vergleich zu vor 4 Jahren sondern würden sehen, dass selbstverständlich der Gaspreis ab Anfang 2026 genauso nach oben entflohen ist.
Schon seit Jahren - will ich mich bei der Prokrastinationsambulanz anmelden.
Würden sich die Patienten anmelden - gäbe es Prokrastinationsambulanzen.
Und dann das Porträt des Hundes auf der Wade. Schnuffi – 14 Jahre lang ein treuer Begleiter – unvergessen.
Auch da stellen sich schon wieder zwei Fragen: Wieso auf der Wade? Da sieht man ihn selber nur schwer und die anderen eigentlich nur im Weggehen.
Zweitens setzt es die Messlatte für den zweiten oder auch dritten Hund ganz schön hoch, wenn sie immer an diesem alten Schnuffi gemessen werden.
Und ach, noch ein Drittens: Das muss man einfach so sagen. Bin ich froh, dass er sich nicht für seine Lieblingszwerghamster entschieden hat. Die haben nur eine Lebenszeit von zwei Jahren.
Der hätte inzwischen eine imposante Hamsterherde auf dem Körper.
100 Jahre würde ich werden,
dürfte ich dereinst die in Telefonwarteschleifen verbrachte Zeit nachleben.
Unsterblich würde ich werden,
verbrächte ich sie wieder in Telefonwarteschleifen.
Ich habs im Kreuz. Einen Hexenschuß wie schon lange nicht mehr. Hatte mich gestern verlupft. "Mir ischs neigfahra" als ich die zweijährige Enkelin auf meinen Arm nahm.
So schlimme Kreuzschmerzen hatte ich die letzten dreiunddreißig Jahre nicht mehr.
Damals "ischs mir neigefahra" als ich die zweijährige Tochter auf den Arm nahm. Wie die Zeit vergeht.
Freitagabend. Kochkraft durch KMA
auf der Schwaneninsel in Waiblingen. Minibühne.
Eintritt nach Selbsteinschätzung:
20, 25 oder 30 Euro. Ich nehm die Mitte. Zahl 25 Euro – das schmerzt den
Schwaben in mir. Noch mehr schmerzt mein Mittelmaß: Warum keine 30?
Vor dem Konzert esse ich noch einen
Wurstsalat. Drückende Hitze. Zirka fünfzig Zuschauer.
Kurz nach acht fängt es an.
Die vier auf der Bühne scheinen
riesigen Spaß zu haben. Junge Leute, die begeistert etwas machen. Vom ersten
Takt an ist Lana in Bewegung. Singt, hüpft, tanzt, macht.
Fast noch begeisterter ist die Frau
am Keyboard. Sie freut sich, lacht und grinst. Sollte sie keinen Spaß haben,
weiß ihr Gesicht nichts davon.
Nach einer halben Stunde tröpfelt
es. Wind zieht auf. Das Volk will weitermachen. Die Band auch.
Die haben Bock. Gut so.
Nach einer Stunde meines üblichen
Kopfnickens und der fast unsichtbaren Gewichtsverlagerung auf den linken Fuß –
ja, das ganze Bein – hält es mich nicht mehr.
Ich hüpfe. Erst nur angedeutet, von
einem Bein aufs andere. Ich bin erstaunt, dass ich das dreißig Sekunden lang
ohne Sauerstoffzelt schaffe. Einen ganzen Song? Nein. Aber ein Anfang.
Warum ausgerechnet Kochkraft mich
so mitgenommen hat, kann ich gar nicht sagen.
Vielleicht das Underdog-Ding. Mit
Underdogs identifiziere ich mich gerne und oft. Vermutlich meistens zu Unrecht.
Vier Menschen machen Musik.
Scheißegal, was die Welt davon hält.
Die machen ihr Ding. Erzählen
nebenher, dass sie alle noch arbeiten müssen. Dass sie heute Morgen mit einem
gemieteten Kleinbus von Duisburg nach Waiblingen gefahren sind.
Nicht einmal den bestellten
bekommen. Erst mal zwei Reihen Sitzbänke ausbauen. Das Equipment aus den Cases
nehmen, damit man es enger stapeln kann. Kein Platz für den Merch.
Kein glorreiches Nightlinerleben.
Kein Heli, der die Stars die
letzten Meter einfliegt. Mehr Jugendhaus als Rock am Ring.
Und dann dieser Spaß. Wie kann man
so einen Spaß versprühen?
Nicht: Seht her, was wir erreicht
haben.
Eher: Seht her, wir sind da.
Vielleicht war es das.
Dreiundsechzig. Ich bin der
Älteste. Bestimmt.
Die anderen eine, eher zwei
Generationen jünger.
Nicht dass ich unbedingt jünger
sein möchte.
Aber dieses Unbeschwerte hätte ich
schon gern. Diese Energie. Diese Selbstverständlichkeit, mit der man hüpft,
tanzt, macht, ohne sich vorher eine Genehmigung dafür auszustellen.
Von meiner eigenen Alterskohorte
fühle ich mich längst entkoppelt. Zu den Jüngeren gehöre ich aber auch nicht.
Doch hier muss ich nirgends
dazugehören.
Vier Menschen, die nichts
darstellen, sondern etwas machen. Laut, begeistert und ohne Sicherheitsabstand
zu sich selbst.
Und ich stehe anonym zwischen all
den Menschen, die mich nicht kennen. Die nichts von mir erwarten. Die nicht
wissen, wer ich bin, wer ich sein sollte und woran ich gerade scheitere.
Ich muss niemanden bewerten,
niemanden kleinmachen, mich über niemanden stellen.
Es gibt keine Gegner.
Nicht einmal Mitbewerber.
Advantage me.
Ich muss mich nicht behaupten.
Ich bin keiner.
Und genau deshalb kann ich ich
sein.
Scheiße:
Ihr habt Spaß?
Den will ich auch.
Eine Viertelstunde später werde ich
für meine Verhältnisse völlig ekstatisch.
Ich springe. Beidbeinig.
Nicht besonders hoch. Nicht
besonders lange. Nicht einmal besonders rhythmisch.
Aber der Körper – für Mikrosekunden
ohne Bodenberührung.
»In der Luft« wäre übertrieben.
Das Publikum um mich herum hat mehr
davon. Die Band sowieso.
Aber hey:
Ich habe Spaß.
Für Mikrosekunden ohne
Bodenberührung.
Nix hat stattgefunden, wenn es kein Bild davon gibt. Ein Fotofinish, das Wembley-Tor oder eben ein Selfie. Wobei das Wembley-Tor beweist, dass selbst ein Bild nichts beweist. Es ermöglicht nur, dass man sechzig Jahre lang dasselbe Bild anschaut und weiterstreitet.
Trotzdem wissen wir heute, anno Domini 2026, mit schmerzhafter Gewissheit:
Kein Bild, kein Ereignis.
Zum Glück hatte einer der Jünger sein Smartphone dabei beim Abendmahl. Sonst würden wir heute noch diskutieren, ob das Ganze überhaupt stattgefunden hat oder ob es sich – wie bei so vielem, das man nur vom Hörensagen kennt – am Ende doch nur um eine hübsche Legende handelt.
Aber nein.
Hier ist das Foto.
Jesus in der Mitte. Die Jünger drum herum. Alle etwas enger zusammenrücken. Hinten sieht man dich nicht. Petrus, Kopf ein bisschen nach links. Thomas, nicht so skeptisch schauen.
Judas auch mit drauf.
Einer hält den Arm nach vorne, alle schauen ins Smartphone und natürlich weiß mindestens einer nicht, wo die Kamera ist.
Wie bei jedem Gruppenbild.
Auch erstaunlich:
Keiner isst.
Das Abendmahl wird unterbrochen, damit festgehalten werden kann, dass das Abendmahl stattfindet. Eine frühe Form dessen, was wir heute bei jedem Ausflug, Konzert und Restaurantbesuch machen.
Das Ereignis wird kurz angehalten, um zu beweisen, dass man daran teilnimmt.
Leonardo da Vinci hatte diese Möglichkeit nicht. Kein Handy. Kein Selfie-Stick. Keine Frontkamera. Nicht einmal Weitwinkel.
Er musste sich mit Pinsel und eigener Vorstellungskraft behelfen.
Und das Ergebnis kennt man:
Dreizehn Männer, fein säuberlich aufgereiht auf einer Seite eines sehr langen Tisches. Die andere Seite bleibt leer.
Surrealistisch.
Hätte man das damals schon so genannt.
Kein vernünftiger Mensch würde so zu Abend essen. Wie bei einer Familienfeier, bei der niemand neben der Schwiegermutter sitzen will und deshalb alle gegenüberliegenden Plätze vorsorglich frei bleiben.
Man könnte fast meinen, Leonardo hatte einfach keine Lust, die Rückenansichten von zwölf Aposteln zu malen.
Und wer wollte ihm das verübeln.
Mit einem Smartphone wäre das nicht nötig gewesen. Ein Arm nach vorne, kurz die Reihenfolge sortiert und fertig ist die Ikone.
Keine Tischordnung nach Wichtigkeit. Kein stundenlanges Nebeneinandersitzen für die Nachwelt. Keine Überlegung, wie man dreizehn Männer vollständig ins Bild bekommt, ohne wenigstens einen von hinten malen zu müssen.
Nur ein Klick.
Und die Ewigkeit ist dokumentiert.
In Wackelunschärfe, mit abgeschnittenem Petrus und einem Daumen halb im Bild.
Man fragt sich, was Leonardo daraus gemacht hätte. Vermutlich hätte er auch das noch so lange perfektioniert, bis es aussieht wie Kunst.
Wir haben nur ein Selfie daraus gemacht.
Das muss reichen.
Erstaunlich an diesem Bild ist allerdings weniger, dass es beweist, was jeder längst ahnte:
Leonardos Idee, dreizehn Männer auf eine Seite des Tisches zu setzen, war falsch.
Erstaunlicher ist, wie früh der Mensch aufgehört hat, das eigentliche Ereignis festzuhalten. Auf den ersten Höhlenzeichnungen ging es noch um das Essen.
Bisons. Hirsche. Pferde.
Beim Abendmahl ging es immerhin noch um Menschen beim Essen. Beim Abendmahl-Selfie geht es nur noch um die Menschen, die beweisen müssen, dass sie beim Essen gewesen sind.
Das Essen wird zur Tischdekoration.
Heute sind wir wieder einen Schritt weiter.
Heute fotografieren wir wieder das Essen.
Allerdings erst, nachdem es kalt geworden ist.
Ich würde es ja so machen.
Ich würde ein Land aushungern.
Nicht mit Bomben.
Mit Sanktionen.
Das klingt ordentlicher.
Ich würde es ja so machen.
Kein Öl für den Staat.
Medikamente werden knapp.
Die Energieversorgung bricht zusammen.
Nicht alles verbieten.
Nur alles verknappen.
Ich würde es ja so machen.
Dann würde ich warten.
Nicht mehr drohen.
Nicht mehr fordern.
Nur warten,
bis die staatliche Versorgung
von selbst zusammenbricht.
Ich würde es ja so machen.
Dann würde das Land
private Energieunternehmen erlauben.
Private Apotheken.
Private Altenpflege.
Freiwillig,
würde es heißen.
Eine souveräne
Entscheidung.
Ich würde es ja so machen.
Und plötzlich
dürfte ich wieder liefern.
Nicht an den Staat.
Das bliebe verboten.
An private Firmen.
Und wenn mich einer fragt,
wer hier wen erpresst —
Ich würde sagen:
niemand.
Das Land
hat seinen Markt
doch selbst geöffnet.
Inspiriert von einer Meldung des Deutschlandfunks vom 30.07.2026 über die Öffnung kubanischer Wirtschaftssektoren für Privatunternehmen.
13 Leute.
Jesus und seine zwölf Jünger – alle an einem Tisch.
Und wie uns Leonardo zeigt: an einem langen Tisch. Einem sehr langen Tisch.
Dreizehn Leute nebeneinander – auf einer Seite.
Alle.
Nebeneinander wie der Elferrat bei der Säschn.
Komisch – hier steht „Session“.
Ah, jetzt: das wird deutsch gesprochen. Sess-ion.
Humorlos, wie sich’s gehört.
Allerdings nur elf.
Sonst wäre es ja ein Dreizehnerrat und kein richtiger Elferrat.
Oder nebeneinander wie ein deutsches Ehepaar.
Mit Hund. Im Restaurant.
Kein Dreierrat und auch kein Dreirad.
Nebeneinander:
Karl-Heinz,
der Tragedackel
und Susanne.
Jesus mit seinen Jüngern.
Nur Männer. Keine Frau.
Elferrat: Auch die Prinzessin – natürlich ein Mann.
Hier: null gespielte Frauen.
Dort: eine – gespielt von einem Mann.
Gleichstellung, solange sie vom eigenen Geschlecht gespielt wird.
Nebeneinander wie bei einer Pressekonferenz.
Elf Männer.
Mancher mit Orden, mancher mit Restalkohol.
Überzeugt, Humor sei etwas, das man laut ankündigen muss:
Ta-Töööö!
Eine Männerclique, die sich selbst beklatscht.
Elferrat oder Elf-Verrat?
Elf Verräter.
Verraten haben sie, dass sie ohne Pappnase humorlos sind.
Dass am Aschermittwoch alles vorbei ist.
Vor allem der Witz. Falls der je da war.
Ta-Tööö!
Beim Abendmahl: dreizehn beim Essen.
Beim Elferrat: elf beim Trinken.
Dort nur einer, der verrät.
Hier elf Verräter.
Nebeneinandersitzer – die drei auf der Frühstücksterrasse.
Quadratische Tischchen, gedacht für gegenüber.
Aber nicht für Karl-Heinz und Susanne.
Sie schnappen sich ein zweites Tischchen, rücken die Stühle um:
Rücken zum Saal. Gesicht zur Wand. Aber nebeneinander.
Vor ihrem Hund sprechen sie sich mit Vati und Mutti an.
Der Tragedackel sitzt in der Mitte. Auf einem Stuhl.
Eine Rasse, die anscheinend auf dem Arm lebt.
Vielleicht sollte man Hunde mit Tragegriff züchten.
Ergonomisch. Beinlos vielleicht – optional.
Stoßen sie lieber mit den Ellbogen aneinander, als sich anzusehen?
Tauschen sie halbstündig die Plätze – wegen drohender Nackensteife?
Wann begann das, dass sie sich nicht mehr anschauen – konnten?
Vielleicht zur selben Zeit, als Leonardo da Vinci beschloss, das Abendmahl zu malen.
Dieser Mann, der fast den Hubschrauber erfunden hätte.
Perfekte Raumperspektive, fluchtende Wände, Meisterwerk der Renaissance –
aber bei der Sitzordnung schummelte da Vinci wie auf einer Theaterbühne:
Dreizehn Menschen.
Alle auf einer Seite.
Damit man ihre Gesichter sieht.
Keine Ecken besetzt. Kein Gegenüber.
Keine Tischordnung wie im Leben.
Nebeneinander.
Die Dreizehn. Die Elf. Die Drei.
Hätte Leonardo doch einfach einen Acht-Meter-Selfiestick erfunden.
Da Vinci hatte keinen.
Sonst hätten sie sich alle selbst fotografiert.
Mein Geburtstag, wie jedes Jahr am 18. September. Damals der fünfte - Geburtstag.
Morgens um kurz nach vier wach, die Eltern geweckt und nach den Geschenken gefragt.
"Schlaf noch ein Bisschen, bis der Zeiger am Wecker ganz unten ist"
okay ich versuche zu schlafen.
Um halb fünf nochmal nach den Geschenken gefragt.
"Der KLEINE Zeiger ganz unten"
Mein persönliches Glück
ist durchaus damit vereinbar,
dass er zurückgetreten wurde.
Er selbst wollte seine Zukunft
erst mit der Fraktion besprechen,
„wenn wir uns im September wiedersehen“.
Zum Glück war der Kanzler
konsequent
und vor allem schneller.
Hat ihn zurückgetreten.
Respekt.
Er schreibt,
sein persönliches Glück,
gemeinsam mit seinem Mann
eine Familie zu gründen
und Vater zu werden,
sei nicht vereinbar
mit seinem politischen Amt.
Wie edel.
Dabei waren weder sein Mann
noch sein Kind
noch sein persönliches Glück
mit seinem Amt unvereinbar.
Unvereinbar war nur,
privat eine Leihmutter in Anspruch zu nehmen
und politisch anderen
genau das zu verwehren.
Er nennt es einen Spagat
zwischen privater Entscheidung
und öffentlicher Erwartung.
Dabei beherrschte er den Spagat
doch schon immer:
zwischen dem,
was er anderen predigt,
und dem,
was er sich selbst erlaubt.
Nur diesmal
wurde nicht der Spagat sichtbar,
sondern die Doppelmoral.
Und plötzlich musste er sich entscheiden:
zwischen ehrlich
und unehrlich.
Eine Entscheidung,
die ihm sonst
nie besonders schwerfiel.
Wie ein künstliches Auge
Man sieht nichts.
Nur besser aus.
Beim Direktvermarkter.
„Sie haben da italienische Erdbeeren genommen. Macht Ihnen das was aus oder
wollen Sie lieber deutsche?“, fragt die Verkäuferin.
„Ich möchte mich mit denen nicht unterhalten und die würden mich auch nicht
verstehen. Also ist es egal.“
Schade, dass meine Tochter nicht dabei ist.
Pizzeria Laghetto, Carlazzo, Provinz Como, Lombardei
Nicht nur an den Muscle-Shirts – und den unrasierten Achseln.
Nicht nur an den kurzen Hosen – mit 21 Taschen.
Nicht nur an den Trekking-Sandalen – und den ungepflegten Füßen.
Nicht nur an den Sitzplätzen auf der Terrasse – in der prallen Sonne.
Vor allem an der Warteschlange – weit vor der Öffnungszeit.
Daran erkennt der Italiener uns Touristen.
(Oder am Eiskaffeefleck auf heller Hose?)
Erster richtiger Urlaubstag.
Oberhalb des Luganer Sees in einem traumhaften AirBnB. Seit 7:30 Uhr zufrieden, gelöst, in Shorts und T-Shirt auf der Terrasse gesessen. Tee getrunken. Ins Tal geblickt. Den Tag intensiv mit Genießen verbracht.
Norditalien. Fünfzig Kilometer bis Mailand. Modehauptstadt. Man achtet auf sein Outfit und seinen Style. Oder ist zumindest ordentlich gekleidet.
Da verbietet es sich fast, in meinen Jeans – oder schlimmer noch – in meinen abgeschnittenen Jeans außer Haus zu gehen.
Seit bestimmt acht Jahren hatte ich keine helle Hose mehr getragen. Keine helle Hose. Seit acht Jahren.
In drückendster Nachmittagshitze gegen vier haben wir dann doch beschlossen, rüber zum Comer See zu fahren.
Gegen vier im klimatisierten PKW bei drückendster Nachmittagshitze. Mit der frisch angezogenen hellen Hose und geschlossenen Schuhen. Aufgebrochen zum Comer See. Menaggio.
Wir schlendern am See entlang. In drückendster Nachmittagshitze. Helle Hose. Geschlossene Schuhe.
Einen Eiskaffee haben wir uns gegönnt. An der Strandpromenade. In drückendster Nachmittagshitze. Helle Hose. Geschlossene Schuhe.
Exakt siebenundfünfzig Minuten hat es gedauert zwischen:
Ich ziehe mir in drückendster Nachmittagshitze eine helle Hose an. Geschlossene Schuhe.
und:
Ich kleckere meinen Eiskaffee darauf.
Ein kostenloser(?) Parkplatz und ein paar Imbissbuden. War natürlich klar, dass ich mich für den Route 90 Grill & More Imbiss entschieden habe. Gibt es dort doch zu meiner Freude eine Currykult Wurst Swiss Style.
Mit einer Bratwurst, hausgemachter Bratensauce, Röstzwiebeln und rassigem Madras Curry - so die Beschreibung.
Das alles flott zubereitet in einer nicht sehr sparsamen Portionsgröße dargereicht. Was will man mehr? Kein Sand durch Jet-Blast in den Zähnen sondern nur die gute Wurst, einer rassigen Madras Sauce - und noch ganz en passant die #90 bei meiner #ImbissbudeMitNummer abgehakt.
Ich will die Welt retten.
Ich muss die Welt retten.
Ich kann die Welt nicht retten.
Ich muss die Welt nicht retten.
Diese Welt will mich retten.
Diese Welt muss mich retten.
Diese Welt kann mich nicht retten.
Diese Welt muss mich nicht retten.
Wer rettet mich vor dieser Welt?
Früher, als wir jung waren,
machte der Hund noch wau wau.
Oder wenigstens wuff wuff.
Das waren noch richtige Hunde.
Die lagen draußen.
Fraßen Dreck.
Hatten einen Namen wie Rex oder Bello
und rochen entsprechend.
Wenn ich heute die Enkelin frage,
wie der Hund macht,
kommt ein zartes:
„wig wig.“
Und der Köter sitzt im Kinderwagen.
Mit Halstuch.
Und vermutlich eigener Krankenversicherung.
„Copilot unterstützt das Einfügen von Bildern nicht.“
Copilot unterstützt also das Einfügen von Bildern nicht.
Ein Weichei, dieser Copilot.
Spricht plötzlich von sich in der dritten Person. Übernimmt keine Verantwortung. Ich bin nur der Pressesprecher, der Überbringer der schlechten Nachricht, ich kann nichts dafür.
Aber wenn Copilot zufällig mal was kann, macht er auf dicke Hose und schreibt sich das brav selbst zu:
Ich kann dir weitere Vorschläge machen.
Ich kann das und das.
Und ich könnte schon wieder kotzen.
Sabrina irgendwas heißt sie. Sabrina - da stelle ich mir eine kecke (wer sagt heute noch keck?) junge Frau, schlank mit Sommersprossen vor - vermutlich mit Pferdeschwanz.
"Ich bin im 3. Stock eines Geschäftshaus', Türe ist offen, gehen Sie in den 3. Stock und klingeln sie dann pünktlich zum Termin - 12:50 Uhr. Wir haben kein Wartezimmer und es ist blöd, wenn wir unterbrechen müßen um die Tür zu öffnen" - (und den Leuten zu sagen, sie sollen noch kurz draußen warten - denke ich). Hatte sie mir schon letzte Woche am Telefon eingeflüstert.
"Marthinah, da hasch abr a käcke Frisur" - stimmt, das bicolor Pony der Metzgers Frau - da hatte ich keck das letzte mal gehört.
Ein schon leicht in die Jahre gekommenes Geschäftshaus - in einem schon leicht in die (80er) Jahre gekommenen Industriegebiet. So stellte ich mir das Ambiente vor - wenn man diese Kleinanzeigen in den 80er/90er Jahren las: "Sabrina verwöhnt den reiferen Herrn, diskret und sauber" - um dann zu erkennen, dass diese Sabrina weder so gut deutsch sprach wie die Anzeige vermuten ließ, noch im ungefähren erwarteten Alters- oder Gewichtsbereich lag.
Fünf vor Termin bin ich vor Ort. Ein Tischchen und 2 Stühle stehen vor der Tür - outside waiting room? Oder hat das Sabrina extra wegen mir angeschafft - gabs Veränderungen seit unserem Telefonat vor einer Woche? Pünktlich den Klingelknopf betätigt - und gewartet. Totenstille hinter der Tür - an der ich vor 3 Minuten noch Geräusche und Schritte wahrnahm. Ich warte neunzig Höflichkeitssekunden - und drei Millimeter bevor mein Finger den Klingelknopf erneut trifft - öffnet sich die Türe.
Nachdem ich zwischen klingeln und klingeln keinerlei Geräusche wahrgenommen habe - vermute ich, dass Sabrina schon drei Minuten hinter der Tür gelauert hatte. Eine schon leicht in die Jahre gekommene Frau - mit schon leicht verhärmten Gesicht (ohne Sommersprossen) - schulterlangen schwarzen Haaren (ohne Pferdeschwanz) - in Strickjacke und Jeans (nicht in Kleid) - und insgesamt sehr wenig Ähnlichkeit zu der von mir imaginierten Bibi Blocksberg. Läßt mich herein. Zeigt nach rechts zum Sprechzimmer und bittet mich Platz zu nehmen. "Haben Sie Ihre Karte dabei?" - ist die zweite Wortsequenz die ich jetzt von ihr wahrnehme - hören kann man es nicht nennen, da Sabrina vermutlich eine große Studie zur Gedankenübertragung leitet und so leise spricht, dass ich die Verstärkung meiner Hörgeräte auf zehn drehen muss.
Momente höchster Kontemplation - als sie versucht meine Gesundheitskarte mit Hilfe ihres Lesegeräts auszulesen. Steckt die Karte ins Lesegerät hinein - dreht sich zum Monitor - stellt fest dass keine Daten angekommen sind - dreht sich erneut zum Lesegerät - stellt wenige Sekunden später wiederum fest dass immer noch keine Daten lesbar sind. Ein dritter Versuch schlägt ebenfalls fehl. Sie nimmt die Karte in beide Hände - versucht es scheinbar mit Voodoo - oder wie ich feststelle - versucht die aufgedruckten Daten auf der Karte zu lesen.
"Ihre Adresse bitte."
Im Alter von zwei Jahren bilden Kleinkinder die ersten einfachen drei Wortsätze - Sabrina scheint älter als zwei zu sein. Immerhin - die dritte Wortsequenz - die ich jetzt nach mittlerweile fünf Minuten von ihr gehört habe.
Momente höchster Kontemplation auch für mich - fünf Minuten beobachten, taxieren, Meinung oder Vorurteil bilden. Der Raum annähernd quadratisch - die Wände weiß - ein paar Bilder - ich registriere nur die Rahmen. Zwei leichte gepolsterte Stühle mit Armlehnen in der Ecke - getrennt durch ein kleines rundes Tischchen - ich frage mich ob es für Therapeuten auch einen Groß- und Fachhandel für die Raumausstattung gibt - oder ob sie sich bei Ikea, Manufactum und einer fancy Möbeldesignerin ausstatten - wie viel ist bewusst so gesetzt - Fragen die ich nicht lösen kann - die Uhr ist selbstverständlich zur Therapeutin hin ausgerichtet.
Der Schreibtischstuhl gefällt mir sehr - ich schätze: Anfang der 60er Jahre - Holz-Drehbürostuhl - noch ohne diese Rollen - damals blieb man an seinem Arbeitsplatz einfach sitzen und konzentrierte sich - musste nicht dauernd hin und her rollen - schick - so etwas hatte ich übrigens in meinem Jugendzimmer auch - gute Wahl Sabrina. Der Schreibtisch clean - aufgeräumt - keine weiteren Details die ich erinnere - und keine elektronischen Geräte aus Cupertino. An der linken Ecke der Schreibtischplatte ein kleines Glas - ein Glas wie die schwäbischen Viertelsgläser - nur ohne Henkel - hin und wieder nimmt sie davon - farblos die Flüssigkeit - vermutlich warm - so vorsichtig wie sie nippt.
Auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers - das erste Mal in meiner Karriere - sehe ich tatsächlich eine Psychotherapeutencouch. Sabrina scheint auch durchaus breitere Patienten zu haben - die Couch ist jedenfalls geschätzte anderthalb mal breiter als die Sprechstundenliegen wie ich sie von Ärzten kenne - das Ding ist edel - Kopfteil - dunkles Leder - eine Decke liegt bereit - und unten ein Schutz für die Füße - liegt man auf so eine Therapeutencouch eigentlich mit Schuhen - oder ohne - zieht man die Schuhe aus um sich ganz hinzugeben - oder behält man die Schuhe an - um notfalls sofort fliehen zu können - eine Frage die - wie sich nachher herausstellen wird - nicht geklärt werden kann. Am Kopfende der Therapieliege - dann tatsächlich - dieser Freud-Sessel - mit hoher Lehne - wirkt gemütlich - so wie Sabrina auf mich wirkt - nutzt sie den bestimmt auch für so manches Nickerchen - vielleicht auch während ihr Patient sich gerade öffnet.
"Hatten Sie schon mal Probleme mit Ihrer Karte?" - mit dieser Frage reißt sie mich aus meiner Beobachtung. "Ja - hatte ich - aber es ging dann immer irgendwie." - "Da müssen Sie mal nachgucken lassen." Jetzt ist es so - dass ich mir den Termin nicht geben lassen habe um die technische Funktionsfähigkeit meiner Gesundheitskarte testen zu lassen - sondern ich bilde mir ein - ganz andere Probleme zu haben.
Stoisch gibt sie meine persönlichen Daten jetzt von Hand in ihren Computer ein. Die Uhr - der Wecker - zeigt mit dem Rücken zu mir - ich brauche die Armbanduhr um zu sehen wie viel Therapieminuten durch Formalien vernichtet werden.
Wie heißen diese Echsen, die sich so verzögert bewegen, als würde man sie nur im Ultrazeitraffer wahrnehmen? Zwei Schritte vor, einen zurück. Erst eine Extremität ein Stückchen nach vorne, dann noch ein Stückchen, dann wieder zurückziehen und vorsichtig platzieren, bevor die nächste an der Reihe ist.
Genau so bewegt sich Sabrina.
Oder ein Chamäleon — obwohl sich bei denen die Augen deutlich öfter bewegen als bei Sabrina.
Kurz frage ich mich, ob nicht Sabrina dringender Hilfe braucht als ich. Dieser leere Blick. Diese Bewegungen, die man nur im Ultrazeitraffer wahrnehmen kann.
Was mich zu ihr führt - will sie wissen. Ich erzähle dass ich aus der Klinik entlassen wurde - mit schwerer Depression - den Bericht habe ich dabei und gebe ihn ihr. Widerstrebend nimmt sie ihn entgegen - blättert darin herum - in einer Geschwindigkeit, in der ich den Bericht vermutlich von Hand hätte abschreiben können - stellt keine Fragen dazu - versinkt in sich - um dann zu erklären, das alles sei ihr jetzt zu viel zu lesen - ich soll doch mal berichten wie es mir geht - oder wo mein Problem ist. Leider erinnert mich das an die Frage vieler Experten - dieses "wo fehlt's denn?" - im Schwäbischen - wenn ich das wüsste wäre ich nicht hier - wenn ich die Diagnose schon mitbringe erwarte ich Therapie - vielleicht mein Gedankenfehler.
Sie beherrscht dieses stumm und regungslos bleiben - und starr ins Nichts blicken - meisterhaft. Mir ist das unangenehm - ich kann es zwar schon besser aushalten als früher - trotzdem kann ich keinen Sinn darin sehen wenn sich Patient und Therapeut stundenlang anschweigen.
Ich erzähle was mir einfällt - Arbeit - Familie - Überarbeitung - nicht mehr können - 10 Minuten lang - nur wenn ich mindestens eine Minute nichts sage fragt sie nach - oder gibt einen 3-Wort-Kommentar.
Sie schweigt weiter - "was interessiert sie noch?" frage ich. Schweigen. Ich erzähle vom Verlassen-sein-fühlen - und von Sichtbarkeit - von Trauer und Traurigkeit.
Nachdem mir nichts mehr einfällt - plus 2 Minuten gegenseitiges Schweigen - fragt sie ob ich Erfahrung mit Gruppentherapie in der Klinik gemacht habe. "Ja - positiv - wobei es so war, daß mich die anderen wenig interessiert bis genervt haben - und ich die Sitzungen oft gekapert habe - mit meinem Scheiß."
Sie würde trotzdem eine analytische Gruppentherapie empfehlen - die sie (selbstverständlich) nicht anbieten kann.
Ein eleganter Rauswurf - nach 30 Minuten. Fünfzig zahlt die Kasse.
Ich hätt bei der Tante keine Therapie machen wollen.
Wenn ich schweigen will - geh ich ins Kloster -
zu den Karthäusern.
„Schreib’s dir hinter die Ohren“, hat wohl jemand gesagt.
Die beste zweijährige Enkelin der Welt mit dem besten Opa der Welt fütterten Gänse im Park – wie schon Generationen davor.
Die Gänse waren zufrieden. Die Enkelin auch. Der Opa ohnehin – er durfte das Brot tragen.
Zwei glückliche Menschen, drei satte Gänse.
„Sie wissen schon, dass das den Gänsen schadet?“
Der Satz kam von einem domestizierten Jack-Wolfskin in seinem natürlichen Habitat. Gesprochen mit der Autorität eines Mannes, der seine Outdoorkleidung schon zum Müllrausbringen trägt – ein Ökoblockwart.
Im Tonfall, als zählten solche Hinweise zu den Grundlagen der Welt, irgendwo zwischen Osmose und Schwerkraft.
Er sah sie an, als hätten sie den Gänsen gerade Zigaretten angeboten.
Opa erstickte jede aufkommende Konfrontation mit einem:
„Fahr doch an die Ostsee, rette den Wal zu Tode und lass uns in Ruhe – du Freak!“
Übersprungshandlung.
Kein Wal – also das Brot.
Hauptsache, das Gewissen ist so beige wie die Funktionsjacke.
Der Wal hieß Timmy.
Manche nannten ihn auch Hope.
Erstmals gesichtet am 3. März.
Mein Post erschien am 24. April.
Ab dem 28. April versuchte eine private Initiative, ihn zurück in die Nordsee zu bringen.
Am 14. Mai wurde er tot vor Anholt gefunden.
Vielleicht muss man Tiere nicht vor denen schützen, die sie füttern.
Sondern vor denen, die sie retten.
Die Gänse – überlebt.
Die Enkelin – gefreut.
Der Wal – hopeless.
Mein Kofferraum wurde zwangsgeräumt.
Als ich heute mein Auto vom Service abholte, war der komplette Kofferraum leer.
Auf meine irritierte Nachfrage, wo sich denn meine ganzen Sachen befinden würden, erklärte man mir freundlich, diese seien im Rahmen der Inspektion entfernt worden. Dafür hätte ich jetzt einen neuen, modernen und besonders schicken Kofferraum: den Kofferraum 2.0.
Meine bisherigen Dinge konnte man leider nicht in den neuen Kofferraum übertragen. Das war technisch nicht vorgesehen. Aber ich könne ihn selbstverständlich jederzeit wieder mit neuen Sachen befüllen.
Eine Migration von meinem „Kofferraum 1.0“ – mit meinem Zeug – auf den neuen „Kofferraum 2.0“ – schön sauber, modern und aktuell komplett leer – sei leider nicht möglich gewesen.
Ja, so habe ich vermutlich auch geschaut.
„Das gibt’s doch nicht.“
Richtig.
Im echten Leben vermutlich nicht.
In der digitalen Welt von [hier FARBNAME]TV hingegen schon.
Als ich heute auf meinem Sofa saß und die Aufnahmen meiner Lieblingsserie anschauen wollte, waren sie verschwunden.
Auf Nachfrage erklärte man mir freundlich, dass [hier FARBNAME]TV 1.0 inzwischen auf das neue, moderne und deutlich hübschere [hier FARBNAME]TV 2.0 umgestellt worden sei.
Dort könne ich selbstverständlich weiterhin aufnehmen wie gewohnt. Die bisherigen Aufnahmen seien allerdings weg.
Und blieben auch weg.
Eine Migration der vorhandenen Inhalte sei „technisch nicht vorgesehen“ gewesen.
Immerhin wurde ich darauf hingewiesen. In einer E-Mail vor zehn Tagen, irgendwo zwischen „noch mehr Komfort“, „modernem Design“ und „verbesserter Benutzeroberfläche“.
Das Problem ist nur: Die neue Klickibunti-Menüführung ist mir ehrlich gesagt ziemlich egal. Die „verbesserte Benutzeroberfläche“ hilft mir nämlich wenig, wenn meine alten Aufnahmen einfach verschwunden sind.
Und beim versprochenen „Komfort“ frage ich mich inzwischen ohnehin, ob sich das Wort vielleicht einfach von „fort“ ableitet – schließlich sind meine Aufnahmen jetzt genau das.
Fort.
Jedenfalls war mir all das nie wichtiger als die fast 100 Stunden Aufnahmen, die laut [hier FARBNAME]TV sicher und bequem in der Cloud gespeichert werden konnten.
Und selbst wenn ich die E-Mail vor zehn Tagen sofort aufmerksam gelesen hätte – was genau wäre eigentlich der Plan gewesen?
Innerhalb von zehn Tagen fast 100 Stunden Aufnahmen konsumieren, nur damit sie nicht im digitalen Schredder landen?
Sollte das ernsthaft die vorgesehene „Migrationsstrategie“ gewesen sein?
Oder anders gefragt:
Geht’s eigentlich noch?
Bin ich eher nicht. Und wenn es ums Schwimmen geht, schon zweimal nicht.
Trotzdem gehe ich seit
über drei Jahren regelmäßig schwimmen. Als Ausgleich, für die Fitness, fürs
Wohlbefinden und weil mir das damals in der Reha geraten wurde. Vier- bis
fünfmal die Woche, 30 Minuten.
Für meinen Körper.
Für meinen Kopf.
Für mich.
Und dann gibt es noch die
anderen.
Rasierte Beine, rasierte
Brust, rasiert alles, was sichtbar ist. Badekappe nicht wie aus unserer Jugend,
sondern aus Gummi, mit Aufdruck, gerne auch neonfarbig. Schwimmbrille
mindestens verspiegelt oder besser noch gold-bronze-versprenkelt. Smartwatch oder
Fitnessarmband, eventuell sogar ein Brustgurt, um die Atmung aufzuzeichnen.
Die Badebekleidung: keine
schlabberige Badehose, aber auch nicht diese ordinären Speedos. Man richtet
sich auf seiner Bahn ein. Der Trainingsplan liegt einlaminiert am Beckenrand.
DIN A4.
Und gar nicht zu
vergessen: eine Getränkeflasche.
Eine Getränkeflasche? Im
Wasser? Beim Schwimmen? Ernsthaft?
Ich nehme doch kein
Hähnchen mit zum Wienerwald.
Ich bin immer versucht,
mal demonstrativ ein Weizenglas an den Beckenrand zu stellen.
Wenn man unterwegs Durst
im Wasser bekommt, kann man den stillen. Wieso haben die dann nicht auch eine
Windel an, falls die Flüssigkeit raus muss? Oder nehmen sie deshalb Flüssigkeit
aus einer separaten Flasche?
Ich selbst gehe übrigens
vor dem Schwimmen aufs Klo. Und danach. Nur fürs Protokoll.
Jetzt gehe ich ja nicht
mehr ins Stadtbad Kornwestheim, sondern ins Vereinsschwimmbecken meines
Schwimmvereins. Die Profis sind dort in deutlicher Überzahl. Aber es sind
einfach richtige Profis. Nicht das Pseudo-Gehabe der Wannabes im Stadtbad.
Ich erkenne schon, wer
gleich zur Umkleide reinkommt: Wenn man das hektische Klacken von Radschuhen
hört, dauert es nur noch eine Hundertstelsekunde, bis der zugehörige Athlet
auftaucht, hektisch sein Trikot in die Ecke pfeffert und immer noch im Laufschritt
die Radschuhe aus- und die Badekleidung anzieht.
Und erstaunlich ist, dass
beim echten Triathlon erst das Schwimmen kommt und nicht umgekehrt. So wie die
auftreten, könnte man meinen, sie kommen angeradelt, gehen kurz schwimmen,
radeln noch mal 180 Kilometer und laufen danach nach Hause.
Egal.
Ich bin im Schwimmverein
nur, damit ich ganzjährig schwimmen gehen kann. Zu einem günstigen Preis.
Profi bin ich keiner.
Dafür regelmäßig.
Ich sehe schlecht. Kontaktlinsen bekomme ich nicht rein. Also habe ich mir eine Schwimmbrille mit Sehschärfe machen lassen. Damit ich im Urlaub vom Meer zurück zum Handtuch finde und nicht erst stutzig werde, wenn ich schemenhaft die Freiheitsstatue erkenne.
Eine Frau – jünger als ich – wendet mir den Kopf zu. Vermutlich schaut sie mich an. Routinemäßig nicke ich. So ein neutrales Schwimmbad‑Hallo. Sie kommt auf mich zu. Ich erkenne sie nicht.
„Gandhi?“ fragt sie.
Wer verdammt kennt diesen Spitznamen noch aus meiner frühesten Jugend?
Ich kneife die Augen zusammen, presse den letzten Rest Sehschärfe aus mir heraus. Meine Stirn legt sich in Falten. Ein Grund, warum viele sagen, ich schaue immer so mürrisch.
Ich erkenne sie nicht.
„Steffi“, sagt sie. “Die Frau von Hannes.”
Ja.
Hannes. Mein jüngster Vetter. Und ich werde niemals Couseng sagen
oder wie das heißt.
Steffi und ihre Familie sind auch in meinem Schwimmverein.
So trifft man sich wieder, denke ich. In bester Boomer‑Manier.
Laut einem aktuellen SPON-Artikel sollen sich neben der Bundeswehr auch zivile Stellen auf einen möglichen Krieg ab 2029 vorbereiten.
Möglich ab 2029.
Eine Zeitangabe wie der Eröffnungstermin eines deutschen Großprojekts.
Krieg 2029. Was mich daran am meisten stört: diese schlampige Planung. Kein Datum, keine Uhrzeit, keine Kalenderfreigabe.
Die Olympischen Winterspiele 2030 in Nizza beginnen am 1. Februar. Das steht fest. Der Weltkrieg bekommt nur ein Jahr.
Über den nächsten Weltkrieg wird inzwischen geredet, als ginge es um das nächste Großevent.
Olympiade mit Sprengstoff.
Heute reicht ein Haushaltsbeschluss, um mitzuspielen. Deutschland spielt mit. Meist als Spielball.
Symbolpolitik in Schutzhelmen.
2029 der moderne Dreikampf. Der Irre in Washington, der Großmachtsträumer aus Moskau, der stille Verwalter der Welt aus Peking.
Der eine sammelt Kontinente wie Immobilien. Grönland, Golfregion. Hauptsache Lage, Lage, Lage. Zwischendurch ein Hotelprojekt, die „Riviera des Nahen Ostens“, ein geschenkter Jumbojet.
Der andere träumt von zaristischer Größe und sucht sich Europa als nostalgisches Ausbaugebiet.
Der dritte holt sich, was er braucht. Ohne Pressekonferenz. Ohne Pathos. Mit Liefertermin.
Die Qualifikationen laufen längst. Ukraine, Gaza, Venezuela.
Warmspielen nennt man das jetzt wohl.
Und Nordkorea steht daneben wie das dicke Kind auf dem Schulhof, das niemand ärgern will, weil es ein Messer dabeihat.
Nur größer.
Noch ungefähr 1100 Tage bis zum Krieg. Das ist kürzer als bis zu meiner Rente.
Krieg ist terminiert. Mein Ruhestand nicht.
„Zwei Fleischkäsebrötchen.“
„Eins mit einer dicken Scheibe, eines mit einer dünnen Scheibe.“
„Vom Groben, bitte.“
„Ja, so ist es recht mit der dünnen Scheibe.“
„Die dicke Scheibe etwas dicker, bitte.“
„Ja, das kommt in eine Tüte.“
„Gut, dass Sie auf eines der Brötchen mit Edding ein D gemalt haben.“
„Der mit dem D – für dick oder dünn?“
Oder Dick & Doof.
VHS-Kurs: Fit im Pit Überleben im Moshpit ab 60
„Fit im Pit“ ist der neue VHS-Kurs für alle Best Ager, die ihre wilden Jahre nicht hinter sich lassen wollen – sondern mittendrin bleiben.
Vom ersten Stage Dive bis zur rechtlichen Absicherung: Wir bereiten Sie vor auf alles, was der Moshpit verlangt. Und der Orthopäde später wieder richten muss.
Modul 1: Circle Pit Basics – linksrum, rechtsrum oder nur Ringelreihen?
Einführung in die Kunst der rotierenden Bewegung. Dreht sich der Pit um mich – oder ich mich um ihn? Tipps für Tempo, Richtung und den elegantesten Ausstieg, bevor die Puste ausgeht.
Modul 2: Crowd Surfing – trotz 115 kg
Genießen Sie die Schwerelosigkeit. Lassen Sie sich tragen – im Rhythmus. Oder, je nach Tagesform, üben Sie sanft Druck auf die Menge aus. Techniken, Vertrauen und die Kunst, sich tragen zu lassen – auch wenn die Physik offiziell widerspricht.
Modul 3: Stage-Diving-Unfälle – die Selbsthilfegruppe
Austausch, Verarbeitung und praktische Tipps für alle, die schon einmal härter gelandet sind als geplant.
Modul 4: Wall of Death – wohin mit dem Rollator
Strategien für Mobilitätshilfen im Ausnahmezustand. Von Parkposition bis Fluchtweg.
Modul 5: In Case Of – Recht, Risiko & Rente
Kranken- und Unfallversicherung, rechtliche Fallstricke und Rentenfragen für alle, die lieber jung geblieben wären, es aber nicht bleiben durften.
Modul 6: Exit-Strategien – Wie dem Wahnsinn entkommen?
Nicht jeder Moshpit endet mit Applaus. Dieses Modul zeigt Ihnen, wie Sie den geordneten Rückzug antreten – mit Würde, Humor und möglichst wenig Prellungen.
Hinweis: Alle Module sind unabhängig voneinander buchbar. Moshpit-Erfahrung nicht erforderlich – nur Mut, Humor und ein stabiler Hüftgurt.
Unterwegs.
Und wenn ich unterwegs bin, lande ich früher oder später bei einer Currywurst.
In Dernbach – manche kennen den Ort wegen der Ludolfs – steht ein Imbiss mit einem Namen, der eher nach Durchhalteparole klingt als nach Marketing:
Rettet die Currywurst.
#curryholic #currywurstretter
Noch dunkel. Ich ziehe die Tür des Ferienhauses hinter mir ins Schloss und stapfe durch frischen Neuschnee Richtung Bäcker. In der Ferne ein grünes Glühen. Bewegt sich unentschlossen, wie etwas, das noch nicht weiß, was es sein will.
Zu tief für eine Drohne. Zu hoch für einen Mähroboter. Ich frage mich kurz, ob hier bereits die ersten Nachbarn ihrer Räumpflicht mit gepimpten Staubsaugrobotern nachkommen. Ein Winter-Bot mit Mood Light? Oder E.T.? Der müsste eigentlich wissen, dass bei dem Wetter nichts mit Fahrradfahren ist.
Das Licht eiert weiter auf mich zu, und langsam erkenne ich: Hubertus von höheren Weihen lebt den Traum. Er sieht sich als heroischen Schlittenhund beim Iditarod, irgendwo auf dem Trail zwischen Anchorage und Nome – während sein Herrchen nur als Handicap mitgeführt wird. Kein Leittier, kein Einfluss, nur Ballast auf zwei Beinen, den Hubertus stoisch in meine Richtung zerrt.
Ein Leuchthalsband im giftigen Neon-Look, damit der Fiffi nicht unter den Schneepflug gerät. Während er durch Eis und Matsch an mir vorbeidackelt, frage ich mich, ob man die Töle eigentlich aufladen muss. USB-C, Micro-USB – oder geht das inzwischen induktiv? Legt man ihn einfach auf die Doging Station – neben den Fitness-Tracker und die Smartwatch?
Als Schwabe liest und versteht man manches eben anders. Heute Morgen, auf dem Weg zum Bäcker in Hage (Ostfriesland!), blieb mein Blick an einem Schild hängen: WONDERLAND OPALE.
Für einen kurzen Moment dachte ich ernsthaft, hier gäbe es ein Wunderland speziell für Senioren – für den Opa eben. Vielleicht mit bequemen Sesseln, Streuselkuchen und leiser Volksmusik im Hintergrund.
Autobahnraststätte Siegburg Ost. Auf dem Teller: die obligatorische Currywurst mit Pommes. Darüber:
Gusticus
Gusticus – was ist das für ein Name?
Ein Boomer-Witz à la "Gusticus, kommt das von Gustav – ho ho"?
Von Gusto, dem Geschmack? Ziemlich ambitioniert bei der Currywurst.
Gusticus? – Gusticus? Klingt nach Asterix –
und tatsächlich: Diese Spur führt uns zum legendären:
Centurio Gaius Gusticus
Präfekt von Colonia Claudia Ara Agrippinensium anno 38 v. Chr. – oder wie wir sagen würden: Köln im Jahr Minus Achtunddreißig.
Damals verlief dort übrigens die Via Appia Tertia (Appia III) – heute besser bekannt als A3.
Die Ursprünge der Wurst
Die Currywurst wurde ursprünglich in Rom erfunden –
als Salsicia calida cum pulvere orientali.
Ein weiterer Fail der Römer: Calida – angeblich „warm“,
in Wirklichkeit meist lauwarm bis kalt.
Die Germanen, vom Wettergott nicht gerade verwöhnt, machten kurzen Prozess:
Wurst muss heiß. Punkt.
Eingeschleppt wurde sie von Centurio Gaius Gusticus.
Wie Funde an der Grabungsstätte Brenner Mautstation Sterzing zeigen.
Eine invasive Art – nicht nur die Gaiusse,
sondern vor allem die Salsicias.
Oder doch Salsiciä? Noch heute wird gerätselt,
ob sie entkam oder ausgewildert wurde.
Fakt ist:
Sie hat Tofu-Schnitzel, Grünkern-Bratling und Spinat
aus dem Speiseplan der germanischen Legaten verdrängt.
Sie beendigte die germanische
„Fleisch-am-Stiel-Epoche“ – Keulen, Haxen, Flügel, alles mit Griff – annähernd sofort.
Zumal „Fünf Bier sind auch eine Mahlzeit“ noch über 1500 Jahre auf Freigabe durch das „deutsche Reinheitsgebot“ warten musste.
Schon damals war die germanische Bürokratie gründlich, aber nicht besonders flott.
Während der Rest der Welt zivilisiert mit Besteck isst,
blieben wir dem Stil treu – dem Stiel.
Vielleicht war es sogar Widerstand –
gegen das römische Besteckdiktat.
Nicht aus Not, sondern aus Prinzip
begann man, die Currywurst mit kleinen Holzspießchen zu essen –
als symbolischen Knochenersatz.
Die Römer hingegen versuchten vergeblich,
Currywurststücke auf der Gabel zu drehen.
Fazit:
Wer hätte gedacht, dass in jeder Currywurst ein kleines Stück antiker Rebellion steckt?
Der Weg von der Salsicia zur Currywurst
war ein Akt radikaler Ökonomisierung.
Der Römer verband Essen mit Status.
Es wurde nicht gegessen, es wurde repräsentiert.
Die Salsicia kam im Liegen, gerne mit Goldstaub –
nicht wegen des Geschmacks,
sondern weil man es sich leisten konnte, Metall auszuscheiden.
Heute kennt man das als Dubai-Currywurst.
Ganz anders der Germane, speziell der Alemanne:
Arbeit war gottgewollte Frömmigkeit.
Frömmigkeit duldet keine Mittagspause.
Wer im Liegen isst, sündigt am Bruttosozialprodukt.
Also ersetzte man Gold durch Ketchup.
Gleiche Farbe, bessere Haftung, günstiger.
Das teure Gewürz der Cäsaren
wurde zum profanen Currypulver –
maximaler Geschmack bei minimaler Investition.
Die Currywurst ist also die Salsicia des kleinen Mannes –
befreit vom Protz, optimiert für den Verzehr im Stehen,
während der Dieselmotor draußen an der Zapfsäule
schon wieder ungeduldig hustet.
Ach, wir waren bei Gusticus, nur weil –
na ja, weil.
Fragen wir anders:
Kennen Sie deutsche Autobahnparkplatztoiletten?
Genau deshalb: Autobahnraststätte.
Deshalb Gusticus.
Und davor: Sanifair – für die Gattin.
Ein Euro fürs Pinkeln.
Dieser Euro kann anschließend bei Gusticus eingelöst werden.
Kann – bzw. muss, wenn man Schwabe ist.
Currywurst mit Pommes: 9,90 € (minus 1 € Sanifair-Pinkelbonus). Klingt fair.
„Ketchup + Mayo dazu?“ – „Klaro.“ – „10,90 €.“
Fuck. Fuck. Fuck.
Was genau ist eigentlich fair an Sani,
wenn man anschließend bei Gusticus geschröpft wird?
Man kann ein Jahr auf verschiedene Arten beginnen.
Ich war heute schwimmen.
Bombe.
Andere greifen Venezuela an.
Respekt.
So titelt die Online-Ausgabe der Lokalzeitung.
Geschickt – kann man doch seinen Aussichtspunkte Artikel wie jedes Jahr recyceln.
Trotz S(unendlich)21 hat sich an den Punkten nichts geändert.
Gestern auf dem Hinweisschild: etwas von einem Feuerwerksverbot in Stuttgart.
Mit Aussichtspunkten muss man sich nicht mit Verboten beschäftigen.
Man muss auch keine Haltung zeigen – zum Thema Feuerwerksverbot.
Fundstück / Weihnachtskarte 2024 (Archiv)
Hallo Frau S.,
oder Frau Wacken, wie Sie von uns genannt wurden.
Sie haben mir vor 2,5 Jahren in den zwei, drei Gesprächen als Krankengymnastin mehr geholfen als die ganze Reha.
Dafür bin ich noch immer dankbar.
Beste Wünsche – nicht nur zu Weihnachten.
So schrieb ich es auf die Weihnachtskarte. 2024.
Jetzt liegt sie mir wieder in der Hand.
Ablage. Archiv.
Eigentlich schon erledigt.
Aber beim Lesen ist sie sofort wieder da.
Frau Wacken.
So haben wir sie genannt.
Nicht offiziell natürlich.
Der Name kam von den Shirts.
Festival-Shirts.
Heavy Metal.
Schwarz, Weiß.
Sie hatte fast immer eines an.
Wacken Open Air.
Ich habe das sofort erkannt.
Meine Mitpatienten natürlich nicht.
Daher: Frau Wacken.
Und dann bin ich wieder dort.
Schwarzwald.
Reha.
Psychosomatik.
2022.
Ich komme rein.
Krankengymnastik.
Physio kenne ich von früher.
Leicht genervt, weil ich nicht turnen will.
Aber die Schulter macht echte Probleme.
Ich sage das mit der Schulter,
will mich schon auf die Bank schmeißen.
„Ziehen Sie sich aus“, sagt sie.
Ohne Zweifel.
Und sie meint: ganz.
Bis auf die Unterhose.
„Stellen Sie sich hin.“
Sie schaut mich an.
Es kommt mir lang vor.
„Drehen Sie sich um.“
Gleiche Prozedur von hinten.
„Gehen Sie mal vor.“
Ich gehe die sechs Schritte bis zur Wand.
„Zurück.“
Wieder sechs Schritte.
Rumpfbeugen.
Wie weit komme ich mit den Händen zum Boden.
Strecken.
Wie weit nach hinten.
„Nicht übertreiben. Sie sind ja wegen der Schulter da.“
Dann sagt sie Dinge,
die mir selbst nie aufgefallen sind.
Sie sind nervös.
Unruhig.
Sie kommen leicht ins Stottern.
Sie stehen schief.
Sie mahlen mit den Zähnen.
Sie sind völlig verspannt.
Rechts ist Ihre aktive Seite.
Sie hängen leicht zur Seite.
„Machen Sie Sport?“
Nein.
Um Gottes willen.
Ich mache seit Jahrzehnten keinen Sport
und bin stolz darauf.
Ich weiß nicht, wie ich sie beeindrucken kann.
„Sollten Sie aber.
Kein Leistungssport.
Einfach bewegen.
Zu Hause, im Verein.
Gymnastik.
Das hilft Ihrem Skelett,
Ihrer Schulter
– und Ihrer Psyche.“
Auch da.
Bei der Psyche.
Sagt sie einfach so.
„Einmal ist es doof,
sich da anzumelden.
Beim zweiten Mal kennt man schon Leute.
Man kommt auf andere Gedanken.
Hat Sozialkontakte.“
Woher sie wusste,
dass genau das mein Problem ist,
wurde mir nicht klar.
Später habe ich Stress.
Mit meiner Bezugstherapeutin.
Mit dem Klinikchef.
Sie holt mich wieder runter.
Und erklärt mir,
wie es läuft.
„Ein Psychotherapeut wird Ihnen nie sagen,
was Sie jetzt machen müssen.
Der spiegelt so lange,
bis Sie selbst drauf kommen.Der nimmt Ihnen die Verantwortung nicht ab.
Er zeigt Optionen.“
So habe ich das verstanden.
Und ich glaube bis heute:
So war es gemeint.
Sie deutet an,
dass sie sich früher selbst mehr
mit dem psychischen Teil beschäftigt hat.
Stress.
Überforderung.
Vielleicht auch Probleme
mit der einen oder anderen Substanz.
Ich weiß es nicht genau.
Aber irgendetwas davon
hat sie zur Physiotherapeutin gemacht.
Sie war die Einzige dort,
der ich Kompetenz zusprach.
In der Maltherapie,
an meinem Notebook,
habe ich ihr ein T-Shirt gemacht.
Schwarz-weiß.
Heavy Metal.
Wilder Schriftzug.
Goddess of Physical Therapy.
Goddess. Göttin.
Nicht im religiösen Sinn. Keine Heilige. Keine Erlöserin.
Eher die Göttin der Physiotherapie.
Weil sie gesehen hat, was da stand.
Und gesagt hat, was Sache ist.
Ich habe es ihr
in die Anstalt schicken lassen.
Eine Reaktion habe ich nie bekommen.
Therapeuten –
psycho wie physio –
sollen kein zu vertrauliches
oder gar freundschaftliches
Verhältnis aufbauen.
Das wusste ich.
Und trotzdem
fand ich es schade.
Schade,
dass sie meine Idee
erkennen –
aber nicht würdigen durfte.
Björn Borg, Nena, Keith Richards – und natürlich ich.
Wir hatten alle mal eine Phase, in der die Haare so lang wurden, dass sie dauernd ins Gesicht fielen und störten. Um das zu verhindern, trug man ein Stirnband. Keine Mütze, keine Kappe.
Seit meiner fünften Reinkarnation lasse ich die Haare mal wieder lang wachsen. Beim Schwimmen nervt’s, wenn du nur Haare vor den Augen beziehungsweise vor der Schwimmbrille hast. Aber ich werde mir nie wieder eine Badekappe aufziehen – so eine weiß-blau-weiße Gummikappe mit dieser Rautenstruktur.
Ein Stirnband würde ich, alter Revoluzzer, nehmen.
Da ist aber nichts Passendes auf dem Markt.
Den Schlauch von einem Kinderfahrrad?
Oder ein Gymnastik-Gummiband zusammendengeln?
Muss man da was vulkanisieren?
Oder warte ich einfach die paar Jahre, bis die Haare vollends ausgegangen sind?
Als Antwort auf unsere Weihnachtskarte per WhatsApp erhielt die Gattin folgende Antwort:
Hallo SXXXX
Schön von dir zu hören.
Wohne im Hospiz in Schwäbisch Gmünd, und mir geht’s soweit gut.
Gruß an Frank
XXXXX
Krebs im Endstadium
schickt er noch hinten dran.
Zehn Jahre nichts gehört. Und dann das.
Vier Tage vor Heiligabend.
Verlegene, geschockte Antwort — was sagt man dann?
Das tut uns echt leid für dich, schöner Mist … weiß leider net, was ich dazu sagen soll 😳
… hoffen sehr für dich, dass du dort noch eine einigermaßen erträgliche Zeit hast ❤️
Hät’ auch nicht sein müssen.
Gott sei Dank kam diese Eilmeldung gerade noch rechtzeitig.
Jetzt, da der Immobilienpleitier zu 15 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt wurde, kann ich endlich wieder ruhig atmen – äh? oder muss ich jetzt ähh? – oder geht’s mir einfach weiterhin gepflegt am Arsch vorbei?
Und überhaupt:
„Immobilienpleitier“ – ist das ein Ausbildungsberuf?
Studium?
Oder wenigstens ein Wochenendkurs in Idar-Oberstein?
„Zertifizierter Pleitier (IHK) – Schwerpunkt Immobilien.“ Würde mich nicht wundern.