Sabrina irgendwas heißt sie. Sabrina - da stelle ich mir eine kecke (wer sagt heute noch keck?) junge Frau, schlank mit Sommersprossen vor - vermutlich mit Pferdeschwanz.
"Ich bin im 3. Stock eines Geschäftshaus', Türe ist offen, gehen Sie in den 3. Stock und klingeln sie dann pünktlich zum Termin - 12:50 Uhr. Wir haben kein Wartezimmer und es ist blöd, wenn wir unterbrechen müßen um die Tür zu öffnen" - (und den Leuten zu sagen, sie sollen noch kurz draußen warten - denke ich). Hatte sie mir schon letzte Woche am Telefon eingeflüstert.
"Marthinah, da hasch abr a käcke Frisur" - stimmt, das bicolor Pony der Metzgers Frau - da hatte ich keck das letzte mal gehört.
Ein schon leicht in die Jahre gekommenes Geschäftshaus - in einem schon leicht in die (80er) Jahre gekommenen Industriegebiet. So stellte ich mir das Ambiente vor - wenn man diese Kleinanzeigen in den 80er/90er Jahren las: "Sabrina verwöhnt den reiferen Herrn, diskret und sauber" - um dann zu erkennen, dass diese Sabrina weder so gut deutsch sprach wie die Anzeige vermuten ließ, noch im ungefähren erwarteten Alters- oder Gewichtsbereich lag.
Fünf vor Termin bin ich vor Ort. Ein Tischchen und 2 Stühle stehen vor der Tür - outside waiting room? Oder hat das Sabrina extra wegen mir angeschafft - gabs Veränderungen seit unserem Telefonat vor einer Woche? Pünktlich den Klingelknopf betätigt - und gewartet. Totenstille hinter der Tür - an der ich vor 3 Minuten noch Geräusche und Schritte wahrnahm. Ich warte neunzig Höflichkeitssekunden - und drei Millimeter bevor mein Finger den Klingelknopf erneut trifft - öffnet sich die Türe.
Nachdem ich zwischen klingeln und klingeln keinerlei Geräusche wahrgenommen habe - vermute ich, dass Sabrina schon drei Minuten hinter der Tür gelauert hatte. Eine schon leicht in die Jahre gekommene Frau - mit schon leicht verhärmten Gesicht (ohne Sommersprossen) - schulterlangen schwarzen Haaren (ohne Pferdeschwanz) - in Strickjacke und Jeans (nicht in Kleid) - und insgesamt sehr wenig Ähnlichkeit zu der von mir imaginierten Bibi Blocksberg. Läßt mich herein. Zeigt nach rechts zum Sprechzimmer und bittet mich Platz zu nehmen. "Haben Sie Ihre Karte dabei?" - ist die zweite Wortsequenz die ich jetzt von ihr wahrnehme - hören kann man es nicht nennen, da Sabrina vermutlich eine große Studie zur Gedankenübertragung leitet und so leise spricht, dass ich die Verstärkung meiner Hörgeräte auf zehn drehen muss.
Momente höchster Kontemplation - als sie versucht meine Gesundheitskarte mit Hilfe ihres Lesegeräts auszulesen. Steckt die Karte ins Lesegerät hinein - dreht sich zum Monitor - stellt fest dass keine Daten angekommen sind - dreht sich erneut zum Lesegerät - stellt wenige Sekunden später wiederum fest dass immer noch keine Daten lesbar sind. Ein dritter Versuch schlägt ebenfalls fehl. Sie nimmt die Karte in beide Hände - versucht es scheinbar mit Voodoo - oder wie ich feststelle - versucht die aufgedruckten Daten auf der Karte zu lesen.
"Ihre Adresse bitte."
Im Alter von zwei Jahren bilden Kleinkinder die ersten einfachen drei Wortsätze - Sabrina scheint älter als zwei zu sein. Immerhin - die dritte Wortsequenz - die ich jetzt nach mittlerweile fünf Minuten von ihr gehört habe.
Momente höchster Kontemplation auch für mich - fünf Minuten beobachten, taxieren, Meinung oder Vorurteil bilden. Der Raum annähernd quadratisch - die Wände weiß - ein paar Bilder - ich registriere nur die Rahmen. Zwei leichte gepolsterte Stühle mit Armlehnen in der Ecke - getrennt durch ein kleines rundes Tischchen - ich frage mich ob es für Therapeuten auch einen Groß- und Fachhandel für die Raumausstattung gibt - oder ob sie sich bei Ikea, Manufactum und einer fancy Möbeldesignerin ausstatten - wie viel ist bewusst so gesetzt - Fragen die ich nicht lösen kann - die Uhr ist selbstverständlich zur Therapeutin hin ausgerichtet.
Der Schreibtischstuhl gefällt mir sehr - ich schätze: Anfang der 60er Jahre - Holz-Drehbürostuhl - noch ohne diese Rollen - damals blieb man an seinem Arbeitsplatz einfach sitzen und konzentrierte sich - musste nicht dauernd hin und her rollen - schick - so etwas hatte ich übrigens in meinem Jugendzimmer auch - gute Wahl Sabrina. Der Schreibtisch clean - aufgeräumt - keine weiteren Details die ich erinnere - und keine elektronischen Geräte aus Cupertino. An der linken Ecke der Schreibtischplatte ein kleines Glas - ein Glas wie die schwäbischen Viertelsgläser - nur ohne Henkel - hin und wieder nimmt sie davon - farblos die Flüssigkeit - vermutlich warm - so vorsichtig wie sie nippt.
Auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers - das erste Mal in meiner Karriere - sehe ich tatsächlich eine Psychotherapeutencouch. Sabrina scheint auch durchaus breitere Patienten zu haben - die Couch ist jedenfalls geschätzte anderthalb mal breiter als die Sprechstundenliegen wie ich sie von Ärzten kenne - das Ding ist edel - Kopfteil - dunkles Leder - eine Decke liegt bereit - und unten ein Schutz für die Füße - liegt man auf so eine Therapeutencouch eigentlich mit Schuhen - oder ohne - zieht man die Schuhe aus um sich ganz hinzugeben - oder behält man die Schuhe an - um notfalls sofort fliehen zu können - eine Frage die - wie sich nachher herausstellen wird - nicht geklärt werden kann. Am Kopfende der Therapieliege - dann tatsächlich - dieser Freud-Sessel - mit hoher Lehne - wirkt gemütlich - so wie Sabrina auf mich wirkt - nutzt sie den bestimmt auch für so manches Nickerchen - vielleicht auch während ihr Patient sich gerade öffnet.
"Hatten Sie schon mal Probleme mit Ihrer Karte?" - mit dieser Frage reißt sie mich aus meiner Beobachtung. "Ja - hatte ich - aber es ging dann immer irgendwie." - "Da müssen Sie mal nachgucken lassen." Jetzt ist es so - dass ich mir den Termin nicht geben lassen habe um die technische Funktionsfähigkeit meiner Gesundheitskarte testen zu lassen - sondern ich bilde mir ein - ganz andere Probleme zu haben.
Stoisch gibt sie meine persönlichen Daten jetzt von Hand in ihren Computer ein. Die Uhr - der Wecker - zeigt mit dem Rücken zu mir - ich brauche die Armbanduhr um zu sehen wie viel Therapieminuten durch Formalien vernichtet werden.
Wie heißen diese Echsen, die sich so verzögert bewegen, als würde man sie nur im Ultrazeitraffer wahrnehmen? Zwei Schritte vor, einen zurück. Erst eine Extremität ein Stückchen nach vorne, dann noch ein Stückchen, dann wieder zurückziehen und vorsichtig platzieren, bevor die nächste an der Reihe ist.
Genau so bewegt sich Sabrina.
Oder ein Chamäleon — obwohl sich bei denen die Augen deutlich öfter bewegen als bei Sabrina.
Kurz frage ich mich, ob nicht Sabrina dringender Hilfe braucht als ich. Dieser leere Blick. Diese Bewegungen, die man nur im Ultrazeitraffer wahrnehmen kann.
Was mich zu ihr führt - will sie wissen. Ich erzähle dass ich aus der Klinik entlassen wurde - mit schwerer Depression - den Bericht habe ich dabei und gebe ihn ihr. Widerstrebend nimmt sie ihn entgegen - blättert darin herum - in einer Geschwindigkeit, in der ich den Bericht vermutlich von Hand hätte abschreiben können - stellt keine Fragen dazu - versinkt in sich - um dann zu erklären, das alles sei ihr jetzt zu viel zu lesen - ich soll doch mal berichten wie es mir geht - oder wo mein Problem ist. Leider erinnert mich das an die Frage vieler Experten - dieses "wo fehlt's denn?" - im Schwäbischen - wenn ich das wüsste wäre ich nicht hier - wenn ich die Diagnose schon mitbringe erwarte ich Therapie - vielleicht mein Gedankenfehler.
Sie beherrscht dieses stumm und regungslos bleiben - und starr ins Nichts blicken - meisterhaft. Mir ist das unangenehm - ich kann es zwar schon besser aushalten als früher - trotzdem kann ich keinen Sinn darin sehen wenn sich Patient und Therapeut stundenlang anschweigen.
Ich erzähle was mir einfällt - Arbeit - Familie - Überarbeitung - nicht mehr können - 10 Minuten lang - nur wenn ich mindestens eine Minute nichts sage fragt sie nach - oder gibt einen 3-Wort-Kommentar.
Sie schweigt weiter - "was interessiert sie noch?" frage ich. Schweigen. Ich erzähle vom Verlassen-sein-fühlen - und von Sichtbarkeit - von Trauer und Traurigkeit.
Nachdem mir nichts mehr einfällt - plus 2 Minuten gegenseitiges Schweigen - fragt sie ob ich Erfahrung mit Gruppentherapie in der Klinik gemacht habe. "Ja - positiv - wobei es so war, daß mich die anderen wenig interessiert bis genervt haben - und ich die Sitzungen oft gekapert habe - mit meinem Scheiß."
Sie würde trotzdem eine analytische Gruppentherapie empfehlen - die sie (selbstverständlich) nicht anbieten kann.
Ein eleganter Rauswurf - nach 30 Minuten. Fünfzig zahlt die Kasse.
Ich hätt bei der Tante keine Therapie machen wollen.
Wenn ich schweigen will - geh ich ins Kloster -
zu den Karthäusern.






