Nix hat stattgefunden, wenn es kein Bild davon gibt. Ein Fotofinish, das Wembley-Tor oder eben ein Selfie. Wobei das Wembley-Tor beweist, dass selbst ein Bild nichts beweist. Es ermöglicht nur, dass man sechzig Jahre lang dasselbe Bild anschaut und weiterstreitet.
Trotzdem wissen wir heute, anno Domini 2026, mit schmerzhafter Gewissheit:
Kein Bild, kein Ereignis.
Zum Glück hatte einer der Jünger sein Smartphone dabei beim Abendmahl. Sonst würden wir heute noch diskutieren, ob das Ganze überhaupt stattgefunden hat oder ob es sich – wie bei so vielem, das man nur vom Hörensagen kennt – am Ende doch nur um eine hübsche Legende handelt.
Aber nein.
Hier ist das Foto.
Jesus in der Mitte. Die Jünger drum herum. Alle etwas enger zusammenrücken. Hinten sieht man dich nicht. Petrus, Kopf ein bisschen nach links. Thomas, nicht so skeptisch schauen.
Judas auch mit drauf.
Einer hält den Arm nach vorne, alle schauen ins Smartphone und natürlich weiß mindestens einer nicht, wo die Kamera ist.
Wie bei jedem Gruppenbild.
Auch erstaunlich:
Keiner isst.
Das Abendmahl wird unterbrochen, damit festgehalten werden kann, dass das Abendmahl stattfindet. Eine frühe Form dessen, was wir heute bei jedem Ausflug, Konzert und Restaurantbesuch machen.
Das Ereignis wird kurz angehalten, um zu beweisen, dass man daran teilnimmt.
Leonardo da Vinci hatte diese Möglichkeit nicht. Kein Handy. Kein Selfie-Stick. Keine Frontkamera. Nicht einmal Weitwinkel.
Er musste sich mit Pinsel und eigener Vorstellungskraft behelfen.
Und das Ergebnis kennt man:
Dreizehn Männer, fein säuberlich aufgereiht auf einer Seite eines sehr langen Tisches. Die andere Seite bleibt leer.
Surrealistisch.
Hätte man das damals schon so genannt.
Kein vernünftiger Mensch würde so zu Abend essen. Wie bei einer Familienfeier, bei der niemand neben der Schwiegermutter sitzen will und deshalb alle gegenüberliegenden Plätze vorsorglich frei bleiben.
Man könnte fast meinen, Leonardo hatte einfach keine Lust, die Rückenansichten von zwölf Aposteln zu malen.
Und wer wollte ihm das verübeln.
Mit einem Smartphone wäre das nicht nötig gewesen. Ein Arm nach vorne, kurz die Reihenfolge sortiert und fertig ist die Ikone.
Keine Tischordnung nach Wichtigkeit. Kein stundenlanges Nebeneinandersitzen für die Nachwelt. Keine Überlegung, wie man dreizehn Männer vollständig ins Bild bekommt, ohne wenigstens einen von hinten malen zu müssen.
Nur ein Klick.
Und die Ewigkeit ist dokumentiert.
In Wackelunschärfe, mit abgeschnittenem Petrus und einem Daumen halb im Bild.
Man fragt sich, was Leonardo daraus gemacht hätte. Vermutlich hätte er auch das noch so lange perfektioniert, bis es aussieht wie Kunst.
Wir haben nur ein Selfie daraus gemacht.
Das muss reichen.
Erstaunlich an diesem Bild ist allerdings weniger, dass es beweist, was jeder längst ahnte:
Leonardos Idee, dreizehn Männer auf eine Seite des Tisches zu setzen, war falsch.
Erstaunlicher ist, wie früh der Mensch aufgehört hat, das eigentliche Ereignis festzuhalten. Auf den ersten Höhlenzeichnungen ging es noch um das Essen.
Bisons. Hirsche. Pferde.
Beim Abendmahl ging es immerhin noch um Menschen beim Essen. Beim Abendmahl-Selfie geht es nur noch um die Menschen, die beweisen müssen, dass sie beim Essen gewesen sind.
Das Essen wird zur Tischdekoration.
Heute sind wir wieder einen Schritt weiter.
Heute fotografieren wir wieder das Essen.
Allerdings erst, nachdem es kalt geworden ist.








