Samstag, 1. August 2026

bodenlos

Freitagabend. Kochkraft durch KMA auf der Schwaneninsel in Waiblingen. Minibühne.

Eintritt nach Selbsteinschätzung: 20, 25 oder 30 Euro. Ich nehm die Mitte. Zahl 25 Euro – das schmerzt den Schwaben in mir. Noch mehr schmerzt mein Mittelmaß: Warum keine 30?

Vor dem Konzert esse ich noch einen Wurstsalat. Drückende Hitze. Zirka fünfzig Zuschauer.
Kurz nach acht fängt es an.

Die vier auf der Bühne scheinen riesigen Spaß zu haben. Junge Leute, die etwas machen. Vom ersten Takt an ist Lana in Bewegung. Singt, hüpft, tanzt, macht.
Fast noch begeisterter ist die Frau am Keyboard. Sie freut sich, lacht und grinst. Sollte sie keinen Spaß haben, weiß ihr Gesicht nichts davon.

Es beginnt zu tröpfeln. Wind zieht auf.
Die Band will weiterspielen.
Das Volk sowieso.
Alle haben Bock.

Mein übliches Kopfnicken, meine nur für mich erkennbare Gewichtsverlagerung auf den linken Fuß. Plötzlich hält es mich nicht mehr.
Ich wippe. Erst nur angedeutet, von einem Bein aufs andere.
Dann mehr. Dreißig Sekunden lang, ohne Sauerstoffzelt. Ich bin selbst erstaunt.
Einen ganzen Song? Nein. Aber ein Anfang.

Warum ausgerechnet Kochkraft mich so mitgenommen hat? Keine Ahnung. Vielleicht dieses Underdog-Ding. Mit Underdogs identifiziere ich mich.
Gerne und oft.
Vermutlich zu Unrecht.

Vier Menschen machen Musik. Scheißegal, was die Welt davon hält.
Die ziehen es durch. Die machen ihr Ding.
Erzählen nebenher, dass sie alle noch arbeiten müssen.
Heute Morgen los, im gemieteten Kleinbus. Duisburg–Waiblingen.
Den zu kleinen Bus bekommen. Zwei Sitzreihen ausbauen müssen. Cases zurückgelassen. Trotzdem kein Platz für Merch.

Kein Nightliner. Ein Fiat Ducato.
Kein Heli für die letzten Meter. Zu Fuß vom Parkplatz hierher.
Kein Catering. Wurstsalat. Wie meiner.
Mehr Jugendhaus als Rock am Ring.

Und dann dieser Spaß. Wie kann man so einen Spaß versprühen? Einfach nur Spaß.

Nicht: Seht her, was wir erreicht haben.
Eher: Seht her, wir sind da.

Dreiundsechzig. Ich bin der Älteste. Bestimmt.
Dieses Unbeschwerte hätte ich gern. Diese Selbstverständlichkeit, mit der man hüpft, tanzt, macht, ohne sich vorher eine Genehmigung dafür zu holen.
Von meiner eigenen Alterskohorte fühle ich mich längst entfremdet. Doch hier muss ich nirgends dazugehören.

Und ich stehe anonym zwischen all den Menschen, die mich nicht kennen. Die nichts von mir erwarten. Die nicht wissen, wer ich bin, wer ich sein sollte und woran ich gerade scheitere.

Es gibt keine Gegner.
Nicht einmal Mitbewerber.
Advantage me.
Ich muss mich nicht behaupten.
Ich bin keiner.
Und genau deshalb kann ich ich sein.

Scheiße:
Ihr habt Spaß?
Den will ich auch.

Eine Viertelstunde später bin ich für meine Verhältnisse völlig ekstatisch.
Ich springe. Beidbeinig.
Nicht besonders hoch. Nicht besonders lange. Nicht einmal besonders rhythmisch.
Aber der Körper – für Mikrosekunden ohne Bodenberührung.
»In der Luft« wäre übertrieben.
Das Publikum um mich herum hat mehr davon. Die Band sowieso.
Ich habe Spaß.

Für Mikrosekunden ohne Bodenberührung.

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